Postdoktoranden/innen (Postdoctoral candidates)

Svea Bräunert


Postdoktorandin: 01.10.2013 - bis jetzt

Sichtverhältnisse: Über Drohnen, Krieg und Kunst

Drohnen sind ein Phänomen, in dem sich zentrale Fragen und Erscheinungsweisen unserer Gegenwart verdichten und dringlich werden. Sie haben mit dem Verhältnis von Körper, Raum und Blick, einer erneuten Mobilisierung der Kamera, operativer Bildlichkeit und Automatisierung, einem Feindlich-Werden der Umwelt sowie mit einer Veränderung des Wahrnehmungsraumes und einer damit verschobenen Selbstwahrnehmung zu tun. Besonders deutlich zeigen sich diese Verschiebungen im militärischen Einsatz bewaffneter Kampfdrohnen – und zwar insbesondere dort, wo Drohnen gegenwärtig in unerklärten, asymmetrischen Kriegen eingesetzt werden. Der Drohnenkrieg fordert nicht nur zivile Opfer, sondern er verletzt auch die Souveränität von Staaten und bewegt sich mit seinen Strategien des ›targeted killing‹ und der ›signature strikes‹ außerhalb der etablierten Regeln des Völkerrechts. Damit verunsichert der militärische Einsatz von Drohnen klassische Definitionen des Krieges und fragt nach der Konstitution des Menschlichen.
     Obwohl es sich beim Drohnenkrieg um ein sehr aktuelles Thema handelt, gibt es bereits eine Reihe interessanter künstlerischer Arbeiten, unter ihnen Positionen von Louise Lawler, Omer Fast, Santiago Sierra, Harun Farocki, Werner Herzog, Trevor Paglen, James Bridle, Adam Harvey, Laurent Grasso, Teju Cole, Martha Rosler, Tomas van Houtryve, Hito Steyerl, Ryan Trecartin und anderen. Indem sich die Künste den Bildern der Drohne zuwenden, überführen sie diese aus der Handlungs- in die Betrachtungsebene. Sie machen die operativen Bilder zu Kunst bzw. sie fordern uns dazu auf, sie als Kunst zu betrachten. Hierzu arbeiten sie sich sowohl direkt am Krieg und an den ihm eigenen Strukturen von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit ab als auch an Fragen nach dem Verhältnis von Ethik und Ästhetik, Abstraktion und Figuration sowie Kunst- und Zeitgeschichte.

VITA
Svea Bräunert hat Neuere deutsche Literatur, Kulturwissenschaft und Neuere und Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert, wo sie mit der Arbeit »Gespenstergeschichten. Der linke Terrorismus der RAF und die Künste« (Berlin: Kadmos 2015) promoviert wurde. Zuvor war sie Fulbright Stipendiatin an der Washington University in St. Louis, Schurman Assistentin an der Cornell University sowie Assoziierte am DFG-Graduiertenkolleg »Geschlecht als Wissenskategorie« an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Literatur, Film und bildende Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, Erinnerungs- und Trauma-Forschung, Medientheorie und Politische Theorie sowie Gender Studies.

Email: sbraeunert(at)gmail.com



Urgency and Uncertainty: Drone Warfare and the Arts

The increasing implementation of drones solidifies and makes critical central conditions of our present existence: the relationship between body, space, and view; the camera’s renewed mobilization; the operative dimension of images; an immersive environment turning hostile under extreme conditions; and a change in perception resulting in a shift in one’s self-image. These shifts become apparent in the drones’ military applications – especially where armed drones are deployed in today’s undeclared, asymmetrical wars. Drone warfare causes civilian death, injury, and traumatization; it violates the sovereignty of countries; and its strategies of ›targeted killing‹ and ›signature strikes‹ are a breach of international law and go against basic human rights. Using drones for military purposes thus unsettles traditional definitions of war. It makes us ask what it means to be human, and how humanity may be constituted and defined in times of drone warfare.
     Although drone warfare is a topic of relatively recent concern, a number of artists have already addressed it, among them Louise Lawler, Omer Fast, Santiago Sierra, Harun Farocki, Werner Herzog, Trevor Paglen, James Bridle, Adam Harvey, Laurent Grasso, Teju Cole, Martha Rosler, Tomas van Houtryve, Hito Steyerl, Ryan Trecartin, and others. Their works turn the drone’s operative images into art, asking us to contemplate them as if they were works of art. While responding directly to the war and its intricate dimensions of visibility and invisibility, they also connect it to a broader set of questions concerning the relationship between ethics and aesthetics, abstraction and figuration, as well as art history and history.

VITA
Svea Bräunert studied Modern German Literature, Cultural Studies, and Modern History at Humboldt-Universität in Berlin where she received her PhD in 2013; her dissertation is entitled »Spectral Histories. Leftwing Terrorism and the Arts« (Berlin: Kadmos 2015). Previously she was a Fulbright Fellow at Washington University in St. Louis, a Schurman Assistant at Cornell University, and an associate member of the DFG research training group »Gender as a Category of Knowledge« at Humboldt-Universität Berlin. Her research interests include 20th and 21st century literature, film, and visual arts, Memory and Trauma Studies, Media and Political Theory, as well as Gender Studies.

Email: sbraeunert(at)gmail.com

Tobias Schöttler


Postdoktorand: 01.04.2014 – bis jetzt


Visuelle Argumente. Ihre Möglichkeitsbedingungen, Potentiale und Grenzen

Das Forschungsvorhaben befasst sich mit visuellen Argumenten – also Argumenten, in denen Bilder begründende und rechtfertigende Funktionen übernehmen. Obwohl visuelle Argumente faktisch in den verschiedensten Wissenschaften zum Einsatz kommen, sind in der theoretischen Diskussion ihr Nutzen und selbst ihre Möglichkeit äußerst umstritten. Die Einwände gegen visuelle Argumente beruhen im Wesentlichen auf zwei Prämissen. Erstens gehen sie von apriorischen Bestimmungen von Bildlichkeit aus, indem sie gänzlich von Verwendungskontexten absehen. Zweitens betonen sie die Grenzen bildlicher Ausdrucksmöglichkeiten und deuten diese Grenzen einseitig als Beschränkungen. In Abgrenzung zur ersten Prämisse setzt das Projekt bei der Analyse faktischer Verwendungsweisen visueller Argumente in der Logik, der Mathematik und den Naturwissenschaften an. Im Einzelnen stehen die diagrammatischen Logiken (Euler, Venn, Carroll, Peirce und ihre Nachfolger), geometrische Beweise und die Verwendung von Bildern als Wahrnehmungsersatz (z.B. in der Mikroskopie) im Fokus der Betrachtung. Die zweite Prämisse wird relativiert, indem die Grenzen nicht nur als Beschränkungen, sondern zugleich auch als je eigene Möglichkeitsbedingungen der bildlichen Darstellung gedeutet werden. Von diesen Möglichkeitsbedingungen lassen sich wiederum die bildspezifischen Potentiale ableiten. Die Zielsetzung des Forschungsvorhabens lässt sich demnach in loser Anknüpfung an Kant formulieren: In Abgrenzung zur verbreiteten Skepsis gegenüber bildlichen Argumenten sollen die je eigenen Möglichkeitsbedingungen solcher Argumente bestimmt werden und davon wiederum die bildspezifischen Potentiale und (tatsächlichen) Grenzen visueller Argumente abgeleitet werden.

VITA
Tobias Schöttler studierte Philosophie, Germanistik und Film- und Fernsehwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Dort promovierte er 2011 in der Philosophie. Seine Dissertation – »Von der Darstellungsmetaphysik zur Darstellungspragmatik. Eine historisch-systematische Untersuchung von Platon bis Davidson« (Münster: Mentis 2012) – unternimmt eine theoriegeschichtliche Untersuchung von Theorien der Darstellung, ausgehend von den antiken Mimesistheorien über die frühneuzeitlichen Naturnachahmungstheorien bis hin zu Theorien der Darstellung in der modernen Sprach- und Bildphilosophie. Vor dem Hintergrund der historischen Analysen argumentiert Schöttler für eine pragmatische Darstellungstheorie.

E-Mail: schoettler(at)mail.de



Visual Arguments: Potentials, Limits, and Conditions of Possibility

The research project investigates visual arguments: arguments in which pictures take on functions of reasoning and justification. Even though visual arguments are utilized within a broad range of sciences, theoretical discussions regard their use and even the very possibility of their existence as highly controversial. The objections against visual arguments rely on two premises. The first premise takes a priori concepts of imagery for granted, insofar as it almost entirely disregards the context in which images are used. The second premise emphasizes the expressive limits of pictures and one-sidedly interprets these limits as deficits. The project distances itself from the first premise by taking the analysis of pictures’ application in logics, mathematics, and in the natural sciences as its starting point. In particular, it focuses on diagrammatic logics (Euler, Venn, Carroll, Peirce, and their successors), geometrical proofs, and the use of pictures as replacements for direct observation (e.g. in microscopy). The project further relativizes the second premise by suggesting that pictures’ supposed limits must not just be regarded as deficits but can also be seen as the pictures’ own conditions of possibility. And these conditions of possibility in turn set the stage for deducing the specific iconic potential of visual arguments. Alluding to Kant, the project’s objective can thus be phrased as follows: In contrast to the widespread skepticism, the research project investigates visual arguments in light of their very own conditions of possibility. This allows it to determine the specific potential of pictures and the factual limits of visual arguments.

VITA
Tobias Schöttler studied Philosophy, German Literature, and Media Studies at Ruhr-Universität Bochum. In 2011, he received his PhD in Philosophy with a dissertation on »Von der Darstellungsmetaphysik zur Darstellungspragmatik. Eine historisch-systematische Untersuchung von Platon bis Davidson« (Münster: Mentis 2012). In his book, Schöttler traces the history of theories of representation, covering the whole range from concepts of mimesis in antiquity to early modern theories on the imitation of nature, and modern ideas of representation in the philosophy of language and pictures. Against the backdrop of these historical analyses, he proposes a pragmatic theory of representation.

E-Mail: schoettler(at)mail.de

 

Jan Straßheim


Postdoktorand: 01.10.2013 - 31.03.2014 und 10.10.2014 - bis jetzt


Sehen und Schmecken. Soziale Bedingungen der Sichtbarmachung

Schon die Klassiker der Ästhetik schließen das Schmecken aus ihrem Bereich aus und privilegieren das Sehen. Essen scheint zu alltäglich, zu vergänglich, zu eng an den individuellen Körper gebunden; ›Kochkunst‹ scheint keine Kunst im engeren Sinn zu sein. Umso merkwürdiger ist es, dass dieselbe ästhetische Tradition seit ihren Anfängen im 18. Jahrhundert um den Begriff des Geschmacks kreist oder dass in der modernen Kunst seit den 1920er-Jahren gekocht und gegessen wird. Das Projekt geht von der Vermutung aus, dass eine bestimmte Konstruktion des Verhältnisses von Sehen und Schmecken zu den sozialen Bedingungen von Praktiken der Sichtbarmachung in einem bestimmten historischen und kulturellen Kontext gehört, die daran mitwirken, dass sich die spannungsreiche Beziehung zwischen dem körperlichen Individuum und seiner sozialen Situation in Kunst und Alltag jeweils verschieden ausformt. Um diesen Hintergrund zu beleuchten, wird eine theoriegeleitete Untersuchung dreier ›Esskulturen‹ in Japan und ihrer Reflexion vorgenommen, deren Kontexte zum Teil anders gelagert sind: (1) die sogenannte ›Teezeremonie‹, eine schon vor der Einführung eines Kunstbegriffes in Japan etablierte ästhetische Praxis, die aufschlussreiche Parallelen und Unterschiede zu dem zeigt, was zumeist als Kunst verstanden wird, (2) die ›Bento-Lunchbox‹ als fester Bestandteil des Alltags, deren Spektrum vom Massenprodukt über die aufwendige Kreation zu Hause bis zur umfassenden Ästhetisierung in der Hochgastronomie reicht, sowie (3) Eat Art und Nahrungsmittelkunst im Rahmen eines modernen, westlich geprägten Kunstbetriebes in Japan, die sich geschmacklich wie inszenatorisch pointiert vom Alltag absetzt und sich darin zugleich auf die sozialen Bedingungen des Sehens und Schmeckens zurückwendet.

VITA
Jan Straßheim studierte Philosophie, Griechische Philologie und Allgemeine Sprachwissenschaft in Marburg, London und Berlin. Seine Dissertation »Sinn und Relevanz. Individuum, Interaktion und gemeinsame Welt als Dimensionen eines sozialen Zusammenhangs« sucht systematische Spannungen zwischen dem Individuum und seiner sozialen Koordination in einer philosophischen Sozialtheorie aufzunehmen, die insbesondere das Denken von Alfred Schütz kritisch weiterführt.

E-Mail: jan.strassheim(at)fu-berlin.de



Sight and taste. Visualisation as a social process

The classics of aesthetic theory already excluded the sense of taste, rather privileging sight instead. Eating, it seems, is too much of an everyday activity, too ephemeral, too closely bound up with the individual body. Cooking does not appear to be an art form in the emphatic sense. The same aesthetic tradition, however, has revolved around the notion of taste from its beginning in the 18th century; furthermore, eating and cooking have been a medium of modern art since the 1920s. The project builds on the hypothesis that a certain way of construing the relation between sight and taste is inherent to the social conditions of visualization in particular historical and cultural contexts; these conditions manifest themselves in the tension between embodied individuals and their social situatedness in art and everyday life. In order to analyze this complex, the theory-driven research focuses on three different food cultures in Japan and their reflection: (1) the so-called ›tea ceremony‹ as an aesthetic practice that existed before Western concepts of art were introduced in Japan, displaying significant similarities and differences to what is traditionally called ›art‹; (2) the ›bento lunchbox‹ as an integral part of modern everyday life, encompassing anonymous mass products, inventive arrangements prepared at home, and complex aestheticizations in high-class restaurants; (3) food art and food-related art as part of a Westernized art market that – in taste and presentation – decisively sets itself apart from everyday fare, all the while referring back to the social conditions of seeing and tasting.

VITA
Jan Straßheim studied Philosophy, Ancient Greek, and General Linguistics in Marburg, London, and Berlin. His doctoral thesis (entitled »Meaning and Relevance. Individuals, Interaction and Shared Worlds as the Three Dimensions of a Social Nexus«) is an attempt to express a systematic tension between individuals and their social coordination in a social theory; it is based in part on a critical re-reading of Alfred Schütz.

E-Mail: jan.strassheim(at)fu-berlin.de

Fabian Goppelsröder


Postdoktorand: 01.06.2011 - 31.05.2014


Die Geste als Denkfigur

Das im Rahmen des Graduiertenkollegs verfolgte Projekt zur Geste untersucht diese nicht primär als Bewegung des Körpers, sondern als Denkfigur. Denkprozesse gestisch, als kinetische Handlungen zu verstehen, heißt nicht zuletzt, Wissen als gleichursprünglich mit seiner Visualisierung vorzustellen. Wissen formiert sich als eine für andere erkenn- undanschließbare, temporäre Gestalt. „Visualisierung“ meint in diesem Zusammenhang nicht die für das Auge wahrnehmbar machende Konkretisierung zuvor schon gegebener, abstrakter Daten. „Visualisierung“ verweist vielmehr auf den aisthetischen Aspekt von Wissensproduktion überhaupt. Es realisiert sich in einem von vornherein quer durch die nur analytisch trennbaren Ebenen von Intelligibilität und Sinnlichkeit gehenden Akt der Setzung. Dieser Akt der Setzung ist die Geste.

VITA
Fabian Goppelsröder studierte Philosophie und Geschichte in Berlin und Paris. Von 2005 bis 2011 war er Promovent am Comparative Literature Department der Stanford University (CA). Seine Doktorarbeit „Kalendergeschichte and fait divers. The poetics of circumscribed space“ untersucht die spezifische Ästhetik medial eingebetteter kleiner literarischer Formen anhand der Kalendergeschichten Johann Peter Hebels und der Nouvelles en trois lignes Félix Fénéons.

E-Mail: goppelsroeder(at)web.de


 

Gestures as Figures of Thought

This project proposes to investigate gestures not primarily as movements of the body but as figures of thought. Conceiving thought processes as gestures, i.e. as kinetic actions, ultimately means considering knowledge as co-originating with its visualisation. Knowledge takes the form of a temporal shape that is recognisable and connectible to for others. In this sense, ‘visualisation’ does not mean the concretisation for the eye of already existent, abstract data. ‘Visualisation’ refers rather to the very aisthetic character of knowledge production in the first place. It comes about in an act that undercuts the analytically distinct levels of intelligibility and sensuality. The act in question is a gesture.

VITA
Fabian Goppelsröder studied Philosophy and History in Berlin and Paris. From 2005 to 2011 he was a doctoral candidate in Comparative Literature at Stanford University (CA). Hisdoctoral thesis “Kalendergeschichte and fait divers. The poetics of circumscribed space” investigates the particular aesthetics of small embedded literary forms with reference to Johann Peter Hebel’s “Kalendergeschichten” and Félix Fénéon’s “Nouvelles en trois lignes”.

E-Mail: goppelsroeder(at)web.de

Mira Fliescher


Postdoktorandin: 01.4.2011 – 30.9.2013


Zum visuellen Denken der Verzeichnung

Das Vorhaben verfolgt die Frage nach visuellem Denken ausgehend von Zeichnungen, die auf andere Bildlichkeiten rekurrieren, um durch zeichnerisch-bildliche Prozesse visuelle Strukturierungen zu veranschaulichen. Eingetragen – oder verzeichnet – ist in ihnen so ein eigener Wissensanspruch oder eine Bildtheorie ebenso wie das Vor-Bild, das veranschaulicht werden soll, sowie diejenigen Unfüglichkeiten, die die Eigenlogiken der Medialität und Materialität des eigenen Zugriffs mit sich bringen. Verzeichnungen oszillieren somit zwischen Registrierung und Fehlgehen, die in ihnen reflexiv werden. Über ihre argumentative Funktion und ihre paradoxal-reflexive Mehrschichtigkeit zwischen Zeichnung, Vor-Bild, Drucktechnik, Reproduktion, Prozess in publizierten Texten hinaus interessieren Verzeichnungen als operative Medien einer graphischen Erschließung wie auch als Konstitution des Bildlichen, die mittels Überarbeitung, Kritzeln, Verwerfen, Zwischenräumlichkeit, Abstraktion, Hervorhebung, Kontrast, Dynamisierung, der Differentialität von Figur und Grund, Reihung, Auslassung, Überprüfung, Suchen und der Interaktion in der Praxis des Zeichnens, der Zeichnung und ihrer Sichtbarkeit eine Epistemik des Bildlichen im Bildlichen selbst darstellt. Sie deuten eine operative Bildlichkeit (Krämer) an, versinnlichen jedoch keine Daten oder abstrakten Zusammenhänge, sondern Abstraktionen, die als bereits im Sinnlichen gegeben vorausgesetzt sind. Verzeichnungen stehen so reflexiv auf einer Schwelle zwischen epistemischen und ästhetischen Strategien, von der aus visuelles Denken auch in Differenz zu naturwissenschaftlichen wie künstlerischen Praktiken als Vermittlung von Sichtbarkeit und Wissen/Theorie sowie von Anschauung und Begriff aufzuschließen ist.

VITA
Mira Fliescher studierte Kunstgeschichte, Film- und Fernsehwissenschaft und Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum. Abschluss mit einer Arbeit zur ästhetischen und politischen Formierung von Raum und Gedächtnis in Buchenwald. 2001 bis 2003 Stipendium im Graduiertenkolleg Identität und Differenz. Geschlechterkonstruktion und Interkulturalität (18. bis 21. Jahrhundert) an der Universität Trier. Promotion zu »Signaturen der Alterität« an der Hochschule für Bildende Kunst Braunschweig.

E-Mail: m.fliescher(at)posteo.org



On the Visual Thinking of Drawing and Distortion

This project investigates the question of visual thinking through recourse to a kind of abstract drawing that refers to another image in order to render visible certain visual structures of that image through the very process of drawing. The process itself lays claim to its own epistemological and pictorial theory just as much as the original image does which the abstract drawing aims to make visible. Moreover it also reflects certain impossibilities inherent to the logic of mediality and materiality. Abstract drawings of this kind (Verzeichnungen) thus oscillate between the acts of registering and distorting which are both reflected in them. Beyond the argumentative function and paradoxical-reflexive multi-layeredness of the separticular images which may constitute at once a drawing, an original image, a printing technique, reproduction and a process in the publication of a text, they are also of interest as the operative media of graphic disclosure and as constituting the pictorial itself, which, by means of a range of practices including revision, scribbling, discarding, creating gaps, the use of abstraction, emphasis, contrast, dynamism, the differentiality between figure and ground, order, omission, verification, searching and the interaction between the practice of drawing, the drawing itself and its visibility, constitutes an epistemology of the pictorial within the pictorial itself. The drawings in question point to an operative pictoriality (Krämer). They do not however correspond to a sensualisation of data or of abstract connections, but of abstractions that are already presupposed in the sensual. Optical drawings/ distortions are thus reflectively poised on a threshold between epistemic and aesthetic strategies that by contrast to practices in the natural sciences and arts, can be understood as communicating visibility and knowledge/ theory as well as perception and concept.

VITA
Mira Fliescher studied Art History, Cinema and TV-Studies, and Philosophy at the Ruhr-Universität Bochum. She completed her degree with a study on the aesthetical and political shaping of space and memory in Buchenwald. From 2001 to 2003 she held a scholarship within the Research Training Centre »Identity and Difference. Constructions of Gender andInterculturality (18th–21th Century)« at Trier University. Her doctoral thesis was on »Signaturesof Alterity« at Hochschule für Bildende Kunst Braunschweig.

E-Mail: m.fliescher(at)posteo.org