Doktoranden/innen (Doctoral Candidates)

2. Gruppe (01.04.2014 – 31.03.2017)

Lisa Andergassen


Die Effekte des Digitalen auf die fotografische Bildproduktion
◊ assoziiert

Ziel des Projekts »Die Effekte des Digitalen auf die fotografische Bildproduktion« ist es, eine Verschiebung in den Diskurs über digitale Fotografie einzubringen. Digitale Fotografie wurde lange vor dem Register der analogen Technik verhandelt, was dazu geführt hat, dass implizit Eigenschaften des Analogen auf die digitale Technik übertragen und gleichzeitig die Unterschiede zwischen beiden Techniken begriffsbildend wurden. Dabei wird auch die alte Streitfrage nach dem Verbleib des Fotografischen (im Sinne eines spezifischen Wirklichkeitsbezugs) im ›Binären‹ weitertransportiert, ohne sie zu klären. Der daraus resultierende Begriff ist nicht nur in sich widersprüchlich, sondern auch unscharf, weil er nicht zwischen Verfahren zur Bildaufzeichnung, Bildverarbeitung und Bildgebung unterscheidet. Diese Gemengelage ist problematisch, weil sie den Blick auf die Spezifika verstellt, die sich aus den veränderten Dispositiven und Praktiken der Herstellung sowie Sichtbar- und Verfügbarmachung ergeben. Dem steuert das Projekt explizit entgegen.
     Es klopft den Begriff der ›digitalen Fotografie‹ auf seine Verwendbarkeit ab und untersucht, wie sich die Effekte des Digitalen auf die Phänomenalität und das Erscheinen der fotografischen Bilder sowie auf die daraus folgenden Bedingungen der (Bild-)Wahrnehmung auswirken. Die Annäherung erfolgt dabei nicht über einen medienontologischen Vergleich, sondern über eine systematische Beschreibung der Eigenschaften digitaler Fotografie und eine Neuverhandlung ihres ontologischen Status. Der Fokus verschiebt sich so einerseits auf die Bedingungen der technischen Produktion digitaler Darstellungen und andererseits auf die Strukturen der medialen Umgebungen und die Praktiken, Strategien und Gegenstrategien der Bildproduzenten. Diese werden ins Verhältnis gesetzt zu den Standardisierungs- und Normierungsprozessen, die in den digitalen Umgebungen aktiv sind.

VITA
Lisa Andergassen studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaften, Kulturwissenschaft, Kunstgeschichte und Fotografie in Wien sowie Europäische Medienwissenschaft in Potsdam. Derzeit ist sie Promotionsstipendiatin des Fachbereichs Design an der Fachhochschule Potsdam. Sie arbeitet außerdem als freie Journalistin, ist an verschiedenen Buchprojekten beteiligt und leitet studentische Lehrveranstaltungen zu Fototheorie und Porn Studies an der Fachhochschule und Universität Potsdam.



The Effects of the Digital on Photographic Image Production

◊ associated project

The project »The Effects of the Digital on Photographic Image Production« sets out to change the discourse on digital photography. For quite some time, digital photography has been discussed in terms mainly based on the analog model. This has implicitly caused a transfer of analog characteristics onto the digital, all the while furthering definitions that emphasize the differences between the two techniques. As a result, the long-standing controversy concerning the remaining of the photographic (in terms of a specific relationship to reality) carries on unresolved. The term ›digital photography‹ is thus not only contradictory but also vague, since it does not differentiate between methods of imaging, image recording, and image processing. It creates an ambiguous situation that is problematic, because it obscures the specific characteristics of digital photography resulting from the changing means and practices of its production, and the manner by which digital photographs are made visible and available. The research project counters such discursive tendencies.
     The project critically examines whether or not ›digital photography‹ is a useful term for describing the effects of the digital on photography. In order to do so, the research project considers the ways in which the digital affects the phenomenology and appearance of photographic images as well as the perception of images. Instead of harking back to an ontological comparison between the two media of digital and analog photography, it systematically describes the characteristics of digital photography, thereby prompting a renegotiation of its ontological status. This approach will give rise to an analysis considering the technical conditions of digital image production, but also the medium’s environment as well as the practices, strategies, and counter-strategies of its producers – topics that will in turn be brought to bear upon processes of standardization as they actively structure the digital environment.

VITA
Lisa Andergassen studied Theater, Film and Media Studies, Art History, Cultural Studies, and Photography in Vienna as well as European Media Studies in Potsdam. Currently, she holds a PhD fellowship from the Department of Design at the University of Applied Sciences in Potsdam, teaching classes on photography theory and Porn Studies. In addition to her dissertation research, Andergassen works as a freelance journalist and is involved in various book projects.

Christina C. Chiknas


Maskerade in der Metropole. Politik und. Performance in Berlin, 1900 bis 1935
◊ assoziiert

In den späten 1920er-Jahren der Weimarer Republik – auf dem Höhepunkt des deutschen Wohlstands und des Optimismus der Zwischenkriegszeit – verurteilten Politiker und Beamte Berlin als ›die Hauptstadt des Schmutzes‹. Das beliebteste Ziel solcher verbalen Angriffe waren die sogenannten Maskeraden, die man als Symptome grassierender Vergnügungssucht und eines allgemeinen gesellschaftlichen Verfalls ansah. Es handelt sich bei den Maskeraden um Kostümveranstaltungen, die zwar auf den ersten Blick an die traditionelle karnevalistische Kultur erinnern, nun jedoch für transgressive Performances genutzt und vorwiegend von marginalisierten Gruppen besucht wurden. Während die Geschichtswissenschaft die Weimarer Kulturpolitik bislang als grundsätzlich liberal bewertet hat, stelle ich dieses Narrativ anhand des von der historischen Forschung weitgehend übersehenen Beispiels der Maskeraden in Frage.     Ich spanne dabei einen Bogen von der Jahrhundertwende bis in die frühen Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft und zeige, dass gerade der Streit um die Maskenbälle Anlass für jene restriktiven Gesetze war, die seit dem Ende des Ersten Weltkriegs zum ›Schutz des deutschen Volkes‹ erlassen wurden und die die Meinungs- und Ausdrucksfreiheit beschnitten. Maskeraden waren also keineswegs bedeutungslos, sondern sie waren wichtige Räume der Selbstdarstellung und der sexuellen Experimente – und zwar insbesondere für Berlins erste Queer Community. Sie sind daher ein besonders geeigneter Gegenstand, um überkommene Annahmen über den Charakter des deutschen Staates zu Beginn des 20. Jahrhunderts und die in diesem Klima vermeintlich entstandenen kulturellen Regime zu hinterfragen. Dabei steht besonders auch die individuelle Wahrnehmung der Veranstaltungen durch ihre Teilnehmer und Kritiker im Vordergrund: Für einige bedeuteten die Veranstaltungen den tiefsinnigsten Ausdruck des menschlichen Seelenlebens; für andere waren Maskeraden dagegen nicht weniger als das Symptom einer kollabierenden, ›entarteten‹ Zivilisation.

VITA
Christina C. Chiknas ist seit 2009 PhD-Studentin und seit 2012 Doktorandin der Geschichtswissenschaft an der Rutgers University (USA). Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Neuere und Neueste Europäische Geschichte, Gender and Sexuality Studies sowie in der Geschichte der modernen Konsumkultur. Ihren Bachelors of Arts in Geschichtswissenschaft und Philosophie hat sie 2009 mit einer Arbeit zur Theorie und Geschichte der Langeweile im Fin-de-Siècle an der Georgia State University erworben.



Masquerading in the Metropolis. Politics and Performance in Berlin, 1900 to 1935

◊ associated project

During the late 1920s – at the height of interwar prosperity and optimism in Germany – state officials denounced Berlin as the ›capital of filth‹, its forms of leisure speaking to the degeneration of those German people now ›addicted to pleasure‹. Among the most popular and controversial targets of such claims were masquerades, costuming events reminiscent of traditional Carnival culture that had become dominated by transgressive performances and largely attended by historically-marginalized groups. Revising historical narratives of the Weimar government as liberal and depictions of these forms of leisure as frivolous, I examine the historical development of these events, from the turn of the twentieth century to the early Nazi period, as highly progressive sites of self-expression and sexual experimentation – particularly for Berlin’s first public queer communities. Masquerading’s controversial nature in turn occasioned laws curtailing freedom of expression to allegedly save the German Volk.
     I use the seemingly unlikely site of masquerades to not just destabilize inherited assumptions about early-twentieth-century German states – and the cultural regimes they allegedly engendered – but also to examine the psychological and even spiritual significance of such overlooked events to their participants as well as cultural critics. To many, the events represented the greatest expression of the soul of mankind; while to others, masquerades were nothing more than signals of a collapsing, ›degenerate‹ civilization.

VITA
Christina C. Chiknas has been a PhD student in History at Rutgers University since 2009, where she specializes in studies of Modern Europe, Gender and Sexuality Studies, and the history of modern consumer culture. She received a B.A. in History and Philosophy from Georgia State University in 2009, where she wrote her thesis on theoretical treatments of boredom as an emotion pervading modern French society at the fin-de-siècle.

Judith Dobler


Bilder zusammen denken. Epistemische Potentiale kollaborativer Praktiken des Zeichnens

Mit meinem Promotionsvorhaben untersuche ich das Phänomen der Handzeichnung als kollaborative Praxis. Dies geschieht anhand einer Aufarbeitung historischer Praktiken, der qualitativen Erfassung gegenwärtiger Fallbeispiele sowie einer künstlerisch-experimentellen Forschung. Die Kernfrage meines Vorhabens lautet: Wie lassen sich Erkenntnisse zeichnerischer Kollaborationen sichtbar machen, die im Zwischenraum von Notation und verbaler Kommunikation zum Ausdruck kommen? Ziel ist es, die nonverbal-kommunikativen und interaktiven Potentiale aufzuspüren, experimentell zu visualisieren und zu reflektieren.
     Durch die Betrachtung der Relation von Körper, Denken, medialer Materialität und sozialer Erfahrung im zeichnerischen Handeln sollen die vielfältigen Interdependenzen fassbar und die Vorgänge handlungsbasierter und künstlerischer Erkenntnis sichtbar gemacht werden. Damit wird der Versuch unternommen, das kollektive zeichnerische Handeln als eigene Wissensform im Dazwischen von Denken und Visualisierung hervortreten zu lassen. Eine erste Hypothese lautet, dass die Episteme der Handzeichnung zumeist erst in der gemeinsamen Erfahrung der Sichtbarmachung zutage treten, etwa durch körperliches Handlungswissen.
     Die Untersuchung formuliert Fragestellungen hinsichtlich Autorschaft, handlungsbasiertem Wissen und dem Einsatz zeichnerischer Werkzeuge in künstlerischen und wissenschaftlichen Erkenntnisprozessen der Gegenwart. Der Fokus der Forschung liegt auf Praktiken mit analogen, digitalen und hybriden Medien in Disziplinen wie Mathematik, Ingenieurwesen, Naturwissenschaften und in der Technologie.

VITA
Judith Dobler studierte Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Potsdam und als DAAD-Jahresstipendiatin an der Escola Superior de Desenho Industrial in Rio de Janeiro. 2012 schloss sie ihr Masterstudium an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel mit der Arbeit »Die Skizze. Der Akt des Zeichnens als epistemischer Prozess« ab. Sie hat langjährige Berufserfahrung als Gestalterin und Künstlerin in Berlin und Basel sowie in internationaler Lehrtätigkeit mit Workshops, Vorträgen und Seminaren zur zeichnerischen Handlung.



Imaging Together. Epistemic Potentials of Collaborative Drawing

My research project examines the phenomenon of hand drawing as a collaborative practice. Scope and method include an analysis of historical practices, a qualitative selection of case studies, and forms of artistic research, particularly experiments with drawing. The core question of my project is: How can insights gained from collaborative drawing activities be made visible, as they arise in the space between graphic notation and verbal communication? In order to address this issue, the project seeks to locate, visualize, and reflect upon the potential of nonverbal and interactive forms of communication in hand drawing activities.
     Taking into account the relationship between body, mind, a medium’s materiality, and social experience as it occurs in the practice of drawing, the project sets out to make tangible various connections and visualize how knowledge is produced in art and action-based practices. The objective of such an approach is to situate and promote collective drawing as its own category of knowledge in between thought and visualization. My first hypothesis is that hand drawing’s epistemological qualities are more likely to become apparent when their visualization is experienced together, expressing themselves for instance as embodied knowledge.
     The study raises questions concerning authorship, action-based knowledge, and the use of design tools in current cognitive processes in the arts and sciences. The research focuses on practices with analog, digital and hybrid media in disciplines such as mathematics, engineering, the natural sciences, and in technology.

VITA
Judith Dobler studied Visual Communication at the University of Applied Sciences in Potsdam, and – as a fellow of the German Academic Exchange Program (DAAD) – at the Escola Superior de Desenho Industrial in Rio de Janeiro. In 2012, she completed her MA at the Academy of Art and Design in Basel with the thesis »The Sketch. The Act of Drawing as Epistemic Process«. Her professional experience includes many years of work as a designer and artist in Berlin and Basel. She holds international workshops, lectures and seminars on the activity of drawing.

Jonas Etten


Bild / Körper / Affekt. Die Wahrnehmungstheorie Henri Bergsons im Kontext des Postdigitalismus

Gegenwärtig zeichnet sich eine Renaissance der Wahrnehmungstheorie Henri Bergsons ab, die in ihren Begriffen von Bild, Körper und Affekt scheinbar passgenau an Trends der kulturwissenschaftlichen Theoriebildung anschließt (vgl. Iconic, Body und Affective Turn). In der synkretistischen Verwebung mit rezenten Diskursen bleibt Bergsons spezifischer Beitrag allerdings unklar.
     Mein Projekt soll diese Lücke schließen. Unter Verwendung dezidiert fachphilosophischer Methodik wird ein Gegengewicht zur kursorischen Aneignung Bergsons in den Kulturwissenschaften geschaffen. Hierzu soll erstmals das gesamte Korpus der Schriften Bergsons herangezogen werden, um den Reichtum seiner Gedankenbewegung für eine Theorie der postdigitalen Medienwelt freizulegen. Die Bandbreite der herangezogenen Referenzdiskurse, die von analytischer Philosophie und Phänomenologie über Systemtheorie und philosophische Anthropologie bis hin zum Poststrukturalismus reichen, bezeugt die zahlreichen Anschlussmöglichkeiten von Bergsons Denken.

VITA
Jonas Etten studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Philosophie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Magister Artium 2011); außerdem war er an der Kunsthochschule Mainz in der Klasse für Film und Video bei Prof. Dr. Harald Schleicher (Diplom 2014). Neben philosophischer und kulturwissenschaftlicher Tätigkeit hat er zahlreiche Experimentalfilme gedreht und installative Videoarbeiten und Kunstobjekte verwirklicht.



Image / Body / Affect. Henri Bergson’s Theory of Perception in the Framework of Postdigitalism

There is currently a noticeable renaissance of Henri Bergson’s theory of perception. This renewed interest is largely due to the fact that Bergson’s core concepts of image, body, and affect correspond to certain trends in cultural theory (i.e. iconic, body and affective turn). Syncretizing Bergson’s concepts as part of a network of recent discourses, however, does not do him justice and obscures his specific theoretical contribution.
     My project sets out to change that. Relying on rigorous philosophical methodology, it counteracts Cultural Studies’ tendency to read Bergson only selectively. For the first time, the entire oeuvre of his work will be considered regarding its potential for developing a theory of our post-digital world. The broad spectrum of references to be considered – including analytical philosophy, phenomenology, systems theory, philosophical anthropology and poststructuralism – speaks to Bergson’s relevance and the various connections his concepts open up.

VITA
Jonas Etten studied Comparative Literature and Philosophy at Johannes Gutenberg-Universität in Mainz (Magister Artium 2011) as well as Fine Arts at the Academy of Visual Arts in Mainz (Diploma 2014). Besides his work in Philosophy and Cultural Studies, he created several experimental films, video installation works, and other art objects.

Florian Goldmann


Modeling Catastrophe. Verortung des Maßlosen

Die künstlerisch-wissenschaftliche Auseinandersetzung untersucht den Gebrauch von Modellen zum Gedenken an sowie zur Darstellung, Vermittlung und Vorhersage von Katastrophen. Sowohl physische Miniaturmodelle als auch digitale Visualisierungen und Animationen sollen berücksichtigt werden.
     Der Begriff Katastrophe meint ein plötzliches, unmittelbares Ereignis der Zerstörung, eine Inversion des Status quo mit nicht zu bewältigendem Schadensausmaß. Der Begriff Modell – dem Lateinischen ›modulus‹, dem Diminutiv von ›modus‹, wörtlich ›Maß‹, entlehnt – kann eine Vielzahl an Dingen bezeichnen, die als Werkzeuge benutzt werden, um etwas zu beschreiben. Durch Analogiebildung und Idealisierung, Reduktion und Vereinfachung ermöglichen sie die Darstellung und Vermittlung komplexer Sachverhalte. Von der Etymologie beider Begriffe lässt sich ableiten, dass ein maßloses Katastrophenereignis im Modell maßstabsgetreu darstellbar ist. Demnach könnte man es, entgegen seiner Maßlosigkeit, eingrenzen und lokalisieren. Man könnte es sozusagen (be-)greifbar machen.
     Katastrophenmodelle sind Rekonstruktionen vergangener, Erläuterungen gegenwärtiger sowie Vorhersagen zukünftiger Ereignisse. Während prognostizierende Darstellungen immer auch Rekonstruktionen vergangener Ereignisse sind, ist allen Katastrophenmodellen gleich, dass sie ein Vor und ein Nach dem Katastrophenereignis implizieren. Weiterhin besitzen sie eine räumliche Dimension: Sie weisen der Katastrophe einen Ort zu.
     Anhand verschiedener Beispiele soll untersucht werden, wie sich das Maßgeben in der Darstellung äußert. Kontextabhängige Gestaltungsentscheidungen sowie spezifische Codes sollen ermittelt werden. Methodische Schwerpunkte liegen dabei auf der Beobachtung und der audiovisuellen Dokumentation derjenigen, die Modelle professionell nutzen. Ein multimediales Format soll entwickelt werden, welches die multiplen Bedeutungsebenen des Begriffs Katastrophenmodell aufgreift und anhand der recherchierten Beispiele in Beziehung setzt.

VITA
Florian Goldmann studierte Bildende Kunst mit den Schwerpunkten Bildhauerei und Neue Medien in Edinburgh, Athen und Berlin. 2012 schloss er sein Studium an der Universität der Künste mit der Veröffentlichung »Flexible Signposts to Coded Territories« (Berlin: AKV 2012) ab, einer Erörterung der Möglichkeit, Fußballfan-Graffiti in Athen als fluides Leitsystem zu nutzen. Seit 2012 arbeitet Goldmann mit dem Kollektiv Stratagrids zusammen.



Modeling Catastrophe. The Designation of Excess

The artistic research project investigates the utilization of models as means of representing, communicating, commemorating, as well as predicting, catastrophic events. The analysis will deal with physical miniature models as well as with digital visualizations and animations.
     The term catastrophe refers to a sudden overturn of the status quo resulting in an unmanageable amount of damage and destruction. The term model can be applied to a wide variety of things used as tools for description. It derives from the Latin ›modulus‹, the diminutive of ›modus‹, meaning ›measure‹. Analogy and idealization, reduction and simplification enable the model to depict and mediate complex facts. A model can thus give measure to an otherwise immeasurable catastrophic event implying that excess can be circumscribed, localized, and made tangible.
     Models of catastrophes are reconstructions of the past, exemplifications of the present as well as predictions of the future. While predictive depictions are always based on reconstructions of past events, all catastrophe models imply a before and an after the catastrophic event. Furthermore, they have a decisively spatial quality, giving catastrophe a place.
     Looking at different examples, I intend to examine how the process of ›giving measure‹ is navigated in the models’ forms of representation. In order to do so, context-bound design decisions as well as specific codes are taken into account. Methodically, I will focus on observing those who work with these models professionally, documenting their practice. Ultimately, a multimedia format will be developed that takes up the multiple meanings of the term catastrophe model and brings them together by putting selected case studies into dialog with each other.

VITA
Florian Goldmann studied Fine Arts with a focus on sculpture and new media in Edinburgh, Athens, and Berlin. He graduated from the Universität der Künste in 2012 upon completion of the publication »Flexible Signposts to Coded Territories« (Berlin: AKV 2012), analyzing the graffiti of soccer fans in Athens as a potential system of fluid signage. Since 2012, Goldmann has worked as part of the collective Stratagrids.

Georg Gremske


Prozesse abbilden. Genese, Funktion und diagrammatische Operationalität der Punktlinie

Gegenstand des Dissertationsprojekts ist die Entwicklung und Funktion der Punktlinie als Visualisierungsstrategie in wissenschaftlichen Bildern der Frühen Neuzeit.
     Welche Faktoren und Einflüsse dafür verantwortlich sind, dass die Punktlinie gerade im wissenschaftlichen Diskurs des 17. Jahrhunderts entwickelt und instantan etabliert werden konnte, ist bislang weitgehend unerforscht. Dabei ist – so die These – gerade das Hervortreten dieser neuen, sofort vielfältig eingesetzten Form der Punktlinie innerhalb eines wissenschaftlichen, religiösen und medialen Paradigmenwechsels aufschlussreich für das damalige und heutige Verständnis naturwissenschaftlicher Darstellungen.
     Mit dem Dissertationsprojekt soll diese Forschungslücke geschlossen werden, indem Forschungsstränge aus der Kunst- und Wissenschaftsgeschichte vereint und für die Kulturwissenschaft unter Einbeziehung heutiger Wissenschaftsbilder produktiv gemacht werden.

VITA
Georg Gremske studierte Kunst- und Bildgeschichte sowie Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Masterarbeit befasste sich mit Linienformen in diagrammatischen Wissenschaftsbildern in Descartes’ »Dioptrik«. Von 2011 bis 2014 arbeitete Gremske als studentische Hilfskraft im Heisenberg-Projekt »Induktion von Sichtbarkeit« unter der Leitung von PD Dr. Dr. Erna Fiorentini. Dabei gehörten die Organisation und Durchführung von Seminaren (Architektur der Darstellung, Das Auge und der Blick I und II) sowie internationalen Konferenzen (Animation 2012, Visualization, 2014) zu seinen Aufgaben. Vor seinem Studium in Berlin arbeitete Gremske als Grafikdesigner in Lübeck.



Visualizing Processes. Genesis, Function and Diagrammatic Operationality of the Dotted Line

The PhD project examines the genesis and function of the dotted line as a visualization strategy in the early modern period.
     Virtually no research exists on the factors and influences responsible for the genesis and instantaneous establishment of the dotted line in seventeenth-century scientific discourse. The project’s intention is to show that the development of this new and versatile visualization technique – imbricated in the time’s paradigm shifts in scientific, religious, and media discourse – is highly instructive for an understanding of scientific images then and now.
     The PhD project aims to make a significant contribution towards such an understanding by bringing together the fields of Art History and the History of Science, producing results that also speak to Cultural Studies’ interest in scientific images today.

VITA
Georg Gremske studied Art History and Cultural Studies at Humboldt-Universität in Berlin. His master’s thesis analyzed line notations in diagrammatic science images, focusing on Descartes’ »Dioptrique«. From 2011 to 2014, Gremske worked as an assistant in the Heisenberg Project »Inductions of Visibility«, headed by PD Dr. Dr. Erna Fiorentini. Among his tasks were the organization and implementation of seminars (Architektur der Darstellung, Das Auge und der Blick I und II), and international conferences (Animation 2012, Visualization 2014). Before his studies, Gremske worked as a graphic designer in Lübeck.

Julian Jochmaring


Durch als Um. Elemente einer Medientheorie und -ästhetik des Ambienten

Das medienwissenschaftliche Dissertationsvorhaben widmet sich dem Zusammenhang von Medialität und Umweltlichkeit sowohl aus systematischer als auch aus historischer Perspektive. Ausgehend von der in begriffsgeschichtlichen Herleitungen des Medienbegriffs betont engen Verwandtschaft des Terminus Medium mit Begriffen wie Milieu und Ambiente sowie einer aktuellen Konjunktur ökologischer Konzepte in der Medientheorie stellt sich die Frage nach der Bedeutung des Umgebenden für eine Logik des Medialen.
     Dabei soll gezeigt werden, dass sich die gegenwärtige medienökologische Fokussierung auf technologische Entwicklungen wie ›Ambient Intelligence‹ als zu eng erweist. Vielmehr geht das Vorhaben von der Hypothese aus, dass Umgebungen selbst immer schon eine konstitutive Vermittlungsfunktion zukommt, die dichotome Zuordnungen von aktivem Subjekt und passiver Umwelt durchkreuzt. Damit nimmt das Erzeugen wie auch Unterdrücken von Umgebungseffekten eine Schlüsselrolle ein, um mediale Vollzüge in einem Kontinuum zwischen Transparenz und Opazität, Situierung und Immersion zu beeinflussen.
     Gegen die in der Kybernetik und Systemtheorie des 20. Jahrhunderts forcierte Formalisierung des Ökologischen soll ein an konkrete räumlich-materielle Konstellationen und sinnliche Prozesse geknüpfter Umweltbegriff, wie er in Biologie, Wahrnehmungspsychologie und Phänomenologie entwickelt wird, für die medientheoretische Diskussion erschlossen werden.
     Anschließend wird dessen Relevanz in künstlerischen (Minimal Art, Land Art) als auch gestalterischen (Architektur, Interaction Design) Praktiken der Sichtbarmachung seit Mitte der 1960er-Jahre überprüft. Anhand der dabei zu beobachtenden Ambivalenz von denaturalisierenden und renaturalisierenden Strategien soll abschließend die Frage nach den sozialen und politischen Bedingungen dieses ambi-medialen Komplexes gestellt werden.

VITA
Julian Jochmaring studierte Medien- und Kulturwissenschaften in Düsseldorf sowie Europäische Medienwissenschaft in Potsdam. 2009 arbeitete er während eines Auslandsaufenthalts in der Kulturabteilung des Goethe-Instituts in Barcelona und war an der Organisation und Durchführung von Ausstellungen, Gesprächsreihen und Filmvorführungen beteiligt. 2013 schloss er sein Masterstudium mit einer medienphilosophischen Arbeit zu Ubiquitous Computing ab. Neben Tätigkeiten als Übersetzer und im Projektmanagement war er als freier Autor für die Kulturredaktion der »taz« und das Monatsmagazin »De:bug« tätig.



Durch als Um. Elements of a Media Theory and Aesthetic of the Ambient

The dissertation project seeks to investigate the connection between mediality and environmentality from a systematical as well as a historical perspective. Given the historical semantics of ›medium‹ and its relationship with terms such as milieu and ambiance, and media theory’s current investment in ecological concepts, Jochmaring is interested in the significance of ambient concepts for the logic of mediality.
     While the media-ecological focus on technological developments like ›ambient intelligence‹ proves to be too narrow, it is assumed that forms of ambiance are constitutive of all kinds of mediation, therefore traversing the dichotomy between active subjects and passive environments. Not only the production, but also the suppression of ambient effects could thus be seen as crucial in influencing mediation functioning on a continuum between transparency and opacity, situation and immersion.
     In contrast to the formalization of ecology by cybernetics and systems theory during the twentieth century, the project seeks to stress the media-theoretical relevance of environmental concepts developed within biology, perceptual psychology and phenomenology – approaches putting an emphasis on concrete spatial and material constellations as well as on sensual processes.
     The role of ambient as well as environmental concepts is then considered in regard to the arts (minimal art, land art), and design practices (architecture, interaction design) since the 1960s. Their approaches are ambivalent; they include strategies of denaturalization and re-naturalization, thus invoking an analysis of the social and political conditions structuring the ambi-medial complex.

VITA
Julian Jochmaring studied Media Studies and Cultural Studies in Düsseldorf, and European Media Studies in Potsdam. In 2009, he was involved in the organization of exhibitions, lecture series, and film screenings for the Goethe Institute in Barcelona. He received his M.A. with a media-philosophical thesis on Ubiquitous Computing. Besides working as a translator and project assistant, Jochmaring served as a freelance writer for the cultural section of the »taz« newspaper and the monthly magazine »De:bug«.

Anne Kern


Todo o nada – Alles oder nichts
Choreografien der kubanischen Künstlerin Juana Borrero

Das romanistische Forschungsprojekt widmet sich dem Gedichte, lyrische Prosa, Briefe, Zeichnungen und Gemälde umfassenden Gesamtwerk der kubanischen Künstlerin Juana Borrero y Pierra (1877–1896). Ziel ist es zu zeigen, dass in diesem Oeuvre in vielschichtigen Visualisierungen und deren Brechungen die Position einer Frau auf der Schwelle von einem passiven Objekt zu einem emanzipierten Subjekt sichtbar wird.
     Die Kubanerin vermag es, sich im androzentrischen literarischen Feld des insel-kubanischen Modernismo zu etablieren. Gleichwohl strebt sie in ihrem Leben und ihrer Kunst nach Formen des Ausdrucks jenseits der ihr als Künstlerin und als Frau gesetzten Grenzen, nach ›todo o nada‹, und so sind es Momente des Ausbruchs, die Borreros Schaffen charakterisieren. Diese Momente des Überbordens finden sich beispielsweise im Umgang mit Vorstellungsbildern literarästhetischer wie sozio-historischer Provenienz in ihren Texten, aber auch hinsichtlich ihrer Sprache, die bis ins Schriftbild hinein ins Bildhafte treibt. Die Dissertation zeichnet an der Schnittstelle von literaturwissenschaftlicher Modernismusforschung, Geschlechterforschung und Bildwissenschaft in einer synchronen Mikroanalyse die aus den Überbordungen entstandenen Bewegungsfiguren in diesem Oeuvre nach – Juana Borreros Choreografien.

VITA
Anne Kern studierte Spanische Philologie, Medienwissenschaft und Volkswirtschaftslehre an der Universität Potsdam und der Universidad de Buenos Aires. 2012 schloss sie ihr Studium mit einer literatur- und kommunikationswissenschaftlichen Magisterarbeit zu Reemtsmas Gewalttheorie unter Ottmar Ette ab.



Todo o nada – All or nothing
Choreographies of Cuban Artist Juana Borrero

The project deals with the complete works of Cuban poet and painter Juana Borrero y Pierra (1877–1896). Her works include poetry, lyrical prose, private letters, drawings, and paintings. Looking at this broad oeuvre and its manifold forms of visualization, the dissertation analyzes how Borrero’s work depicts the liminal position of a woman who is no longer a passive object but becomes an active subject.
     The Cuban artist is one of only a few female writers who were able to successfully establish themselves in the field of Spanish-American modernist literature. In life and in art she strove after ›todo o nada‹, looking to find forms of expression that would enable her to surpass the limits she was confronted with as an artist and as a woman. Instances of transgression and excess thus characterize her work. They can be found, for example, in her evocation of literary as well as socio-historical imageries, and in the typography of her writing that can at times appear image-like. At the intersection of literary research on modernism, gender studies, and visual studies, my dissertation traces the movements of excess in this work – or what I understand to be Juana Borrero’s choreographies.

VITA
Anne Kern studied Spanish Philology, Media Studies, and Political Economics in Potsdam and Buenos Aires. Supervised by Ottmar Ette, she completed her Magister degree in 2012 with a dissertation on the theory of violence by Jan Philipp Reemtsma.

Fabian Alexander Kommoß


Die Sichtbarmachung des Unsichtbaren. Visualisierungsstrategien zen-buddhistischer Kunst

Nach einer Legende enthüllte der historische Buddha Shakyamuni auf dem Geierberg bei Benares als Antwort auf eine an ihn gerichtete Glaubensfrage die höchste, unaussprechliche Wahrheit in einer scheinbar unauffälligen Bewegung: Er erhob eine Blume, die er zwischen seinen Fingern drehte. Auf diese Weise – so lehrt der ostasiatische Zen-Buddhismus – begann die ›spezielle Überlieferung‹ der Lehre des Dharma »unabhängig von Wort und Schrift« mit einer visuellen Geste. Der sich darin manifestierende Anspruch mahayana-buddhistischer Philosophie, die Wirklichkeit für nicht vermittelbar zu halten, das Unvermittelbare aber in der Vermittlung zu suchen, macht die Schule des ostasiatischen Zen als Untersuchungsgegenstand einer ambivalenten Bildpraxis des Sichtbarmachens von Unsichtbarem besonders interessant.
     Das Dissertationsvorhaben »Die Sichtbarmachung des Unsichtbaren. Visualisierungsstrategien zen-buddhistischer Kunst« will die Faszination an zen-buddhistischer Erleuchtungserfahrung gegen die Faszination an den morphologischen Effekten ihrer Nichtwahrnehmbarkeit eintauschen. Ausgang nimmt die Untersuchung hierbei in der fundamentalen Kontroverse eines eklatant asymmetrischen Verhältnisses von bildgebenden Beschäftigungen der Zen-Meister einerseits und ihrem eigenen Anspruch auf Undarstellbarkeit der Wirklichkeit, der »Norm, die vor dem unterscheidenden Erkennen existiert« (Dogen Kigen, 1200–1253), andererseits. Diese scheinbare Aporie legt nahe, dass der Sachverhalt des Wiedergebens von undarstellbaren Aspekten in den Strukturen der Zen-Bilder selbst Niederschlag gefunden hat. Ziel der Arbeit ist daher die Untersuchung einer bildimmanenten Thematisierung von Undarstellbarkeit unter kunsthistorischer und medientheoretischer Perspektivierung, um so u.a. nach den bildspezifischen Ausdrucksmöglichkeiten einer darstellenden Darstellungsverweigerung, dem Zeigen eines Nichtzeigbaren in zen-buddhistischen Kunstäußerungen zu fragen.

VITA
Fabian A. Kommoß studierte als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes Ostasiatische Kunstgeschichte und Japanologie an der Freien Universität Berlin. Er absolvierte theoretische und praktische Studien zum Zen- und Shingon-Buddhismus in Japan. 2011 schloss er sein Studium mit den Schwerpunkten buddhistische Kunst und Geistesgeschichte ab; seine Magisterarbeit beschäftigt sich mit der Paradoxie der ikonischen Ausgestaltung repräsentationskritischer Vorgaben in der zen-buddhistischen Portraitkunst. Seit 2004 ist er regelmäßig freiberuflich für das Museum für Asiatische Kunst Berlin tätig und leitet seit 2012 eine eigene Online-Galerie für Japanische Kunst.



Imaging the Invisible. Strategies of Visualization in Zen Buddhist Art

According to legend, the historical Buddha Shakyamuni answered an essential religious question on the Vulture Peak near Benares by simply lifting a flower that he was turning in his hand. In so doing – East Asian Zen Buddhism teaches – ‘the special transmission’ of the dharma teaching »independent from word and scripture« began with a visual gesture. Such a general attitude within Mahayana Buddhist philosophy, of considering reality incommunicable while seeking out this sort of incommunicable nature within communication, makes the meditation school a promising topic for researching practices of imaging the invisible. The dissertation, »Imaging the Invisible. Strategies of Visualization in Zen Buddhist Art«, seeks to exchange the fascination with the Zen Buddhist experience of enlightenment for the fascination with the morphological results of its invisibility. The project’s starting point is the fundamental asymmetry between a Zen master’s art practice and his or her own claim to the impossibility of portraying reality, this claim being »the norm that exists independently of differentiating cognition«, as put by Dogen Kigen (1200–1253). This apparent aporia of imaging forces the assumption that we can find traces of the invisible within the structures of Zen works of art. Hence, the ambition of the dissertation is to examine the presence of the non-representable intrinsic to such images from an art historical and media theoretical perspective in order to locate image-specific ways of demonstrating the undemonstrable in Zen Buddhist artistic expressions.

VITA
Fabian A. Kommoß graduated in 2011 as a fellow of the Studienstiftung des deutschen Volkes, with a Master’s degree in East Asian Art History and Japanese Studies at Freie Universität Berlin where he specialized in the artistic and philosophical traditions of Buddhism. Kommoß completed studies in Zen and Shingon Buddhism in Japan during 2008. His Master’s thesis took up the paradox of an iconic expression of representation within critical aspects of Japanese Zen Buddhist portrait sculpture. Since 2004 he has regularly conducted freelance work for the Berlin Museum of Asian Art, and since 2012 has run an online gallery specializing in Japanese art.

Felix Lüttge


Der Wal und sein Milieu. Räume und Bedingungen des Lebens in Ozeanographie und Biologie im 19. Jahrhundert

Naturforschung, wie sie im 18. und 19. Jahrhundert als ›Naturgeschichte‹ betrieben wurde, war vor allem das Projekt der umfassenden Klassifizierung von Tieren, Pflanzen und Gesteinen. Mit dem Wal fasst das Dissertationsprojekt die Wissenschaftsgeschichte eines Tieres ins Auge, das sich der eindeutigen Einordnung in das System der Natur lange widersetzte und um dessen taxonomischen Status heftige Debatten geführt wurden. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts forderte der Wal das Experimentalisierungsparadigma der modernen Biologie heraus, während er sich für die Entstehung der Ozeanographie nicht zuletzt wegen seiner ökonomischen Bedeutung als produktiv erwies. Als eine Geschichte eines spezifischen Wissens vom Wal, das sich an der Schnittstelle von entstehender Ozeanographie, Biologie und wirtschaftlichen Interessen konstituierte, soll das Dissertationsvorhaben dem doppelten Interesse an Lebensraum und Lebensbedingung, das die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts dem Wal entgegenbrachte, nachgehen. Dabei soll gezeigt werden, dass die Widerständigkeit des Forschungsgegenstandes ›Wal‹ einerseits nach neuen wissenschaftlichen Methoden und Visualisierungsformen verlangte, jedoch andererseits Forschungs- und Präsentationspraktiken älterer Wissensordnungen zu einer Renaissance verhalf.

VITA
Felix Lüttge hat Geschichte und Philosophie in Berlin und New York studiert. Seit 2014 promoviert er als Stipendiat der Gerda Henkel Stiftung am Institut für Kultuvissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. Von April bis September 2014 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin.



The Whale and its Milieu. Spaces and Conditions of Life in Nineteenth-Century Oceanography and Biology

In the eighteenth and nineteenth century, natural inquiry was largely a project of comprehensive classification of animals, plants, and rocks under the name of ›natural history‹. Concerned with the history of cetology – the science of whales – my dissertation sets out to study the history of an animal that long resisted unique classification, thus provoking fierce debates about its place in the system of nature. The whale not only withstood the endeavors of classification in eighteenth- and early-nineteenth-century natural history, but also challenged modern biology’s paradigm of experimentalization. At the same time, however, the whale proved productive for the emergence of the science of oceanography, not least because of its economic value. My dissertation interrogates how the resistant qualities of the research object ›whale‹ demanded new scientific methods and representations, while at the same time restoring practices of inquiry and forms of presentation from older regimes of knowledge.

VITA
Felix Lüttge studied History and Philosophy in Berlin and New York. In 2014, he began his dissertation project at the Institute for Cultural History and Theory at Humboldt-Universität in Berlin. He is the recipient of a PhD scholarship from the Gerda Henkel Foundation. In 2014, he was a research associate at the Institute for Cultural History and Theory at Humboldt-Universität Berlin.

Sebastian Meier


Entwicklung neuer Geovisualisierungen zur Wissenssynthese mit Fokus auf Ortssensitivität

Geovisualisierungen können Benutzende dazu befähigen, durch die Interaktion mit räumlichen Daten Wissenssynthese zu betreiben. Im Rahmen dieses Promotionsvorhabens wird untersucht, welchen Einfluss die Integration des Standortes von Benutzenden innerhalb von Geovisualisierungen auf den Prozess des Erkenntnisgewinns hat. Es gilt nicht nur herauszufinden, ob der Einbezug des eigenen Standortes Einfluss auf den Syntheseprozess hat, sondern ob diese Synthese darüber hinaus auch die Sicht auf die reale Lebensumgebung der Benutzenden verändert. Angewandte Forschung nimmt im Vorhaben eine zentrale Position ein. Die im Zuge der Forschung entwickelten Visualisierungsmethoden, die den Standort der Benutzenden mit einbeziehen, dienen als Forschungssubjekte anhand derer versucht wird, durch den Einsatz von empirischen Methoden Einblicke in die kognitiven Prozesse der Benutzenden zu erlangen.

VITA
Sebastian Meier studierte von 2005 bis 2009 Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Düsseldorf. 2009 schrieb er seine Diplomarbeit, die sich mit digitalen Identitäten von Hochschulen im Internet auseinandersetzt. Im Anschluss konzentrierte er sich im Rahmen des Masterprogramms Interfacedesign an der Fachhochschule Potsdam auf die Zukunft von digitalen Nachrichten im Internet. Im Anschluss und parallel zum Studium arbeitete Meier als Berater und Projektleiter für die Wirtschaft sowie als Forscher in staatlich finanzierten Forschungsprojekten und legte dabei einen Fokus auf Daten-Visualisierungen und mobile Endgeräte.

E-Mail: kontakt(at)sebastianmeier.eu



Towards a new Method of Geovisualization. Knowledge Synthesis with a Focus on Location Awareness

Geovisualization enables knowledge synthesis through the interaction with spatial data. The research project sets out to explore how this process changes when the user’s location becomes part of the procedure. The question is not only if integrating the user’s location influences the acquisition of new knowledge, but also if this process alters the view users have on their environment which is represented by the data. Applied research plays a key role in this endeavor. New geovisualization methods, developed as part of the dissertation project, are used as research tools to conduct empirical experiments and gain insights into cognitive processes.

VITA
Sebastian Meier studied Communication Design at the University of Applied Sciences in Düsseldorf, completing his studies with a thesis that analyzed digital identities of universities in the World Wide Web. Afterwards, he enrolled in the Master’s program at the University of Applied Sciences in Potsdam, focusing on the future of online news. In addition, Meier worked as an advisor and project leader for the industry, and as a researcher in government funded projects, specializing in data-visualization and mobile devices.

E-Mail: contact(at)sebastianmeier.eu

Saskia Oidtmann


Die Choreografie des Ereignisses

Das physische Ereignis einer Tanz-Bewegung visualisiert sich im Moment des Geschehens. Etwas bis zu dem Zeitpunkt des Sich-Ereignens Unsichtbares wird sichtbar und kreiert ein Bild, sowohl auf der Ebene der Darstellung als auch im Kopf des Darstellers bzw. des Rezipienten. Auf das Wesentliche reduziert wird die Choreografie im Tanz als Kompositionsprinzip verstanden, das Bewegung in Zeit und Raum formt und gliedert. Doch kann man die Choreografie auch als Anleitung zum Ereignis denken und somit den Widerspruch überbrücken, der in der Instrumentalisierung zum Zwecke der Wiederholbarkeit der Choreografie und der Singularität des Ereignisses besteht? Ist es möglich, innerhalb einer choreografischen, kontinuierlichen Struktur die Anlage zur Diskontinuität zu schaffen?
     In einer theoretischen und künstlerischen Auseinandersetzung, bei der alltägliche Bewegungen im Stadtraum ebenso berücksichtigt werden wie stilisierte Bewegungen im Bühnenraum, geht es um die Übertragung des ästhetischen Modus des Ereignisses in choreografische Strukturen, denen eine Produktion von Ereignissen eingeschrieben ist. Anhand theoretischer und choreografischer Untersuchungen soll eine methodische und bewegungswissenschaftliche Grundlage zum Setzen von Bewegungen und damit zur Sichtbarmachung von Ereignissen geschaffen werden, die ihr eigenes Ent-Setzen provoziert. Sowohl in der theoretischen als auch in der künstlerischen Fragestellung sollen Möglichkeiten unterschiedlicher Ereignisproduktionen untersucht werden, die einen performativen Bild-Prozess nach sich ziehen.

VITA
Saskia Oidtmann begann ihr Studium der Film- und Fernsehwissenschaft, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Im Anschluss daran studierte sie Bühnentanz und Choreografie am Laban Center London (BA Hons 2005) und setzte dann ihr Studium der Film- und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin fort (Magistra Artium 2011). Seit 2005 arbeitet Oidtmann als Tänzerin, Choreografin und Filmschaffende. Der Fokus ihres Ansatzes liegt zum einen auf der Verbindung zwischen theoretischem und praktischem Arbeiten, zum anderen auf dem Austausch zwischen Tanz, Bewegung und anderen Ausdrucksformen.



The Choreography of the event

The physical event of a dance movement visualizes itself in the moment of its occurrence. Something that has been invisible until this moment becomes visible and creates an image – both on the level of its presentation and on the mental level of the performer or the recipient. Reduced to its essentials, choreography is seen as a principle of composition that forms and structures movement in time and space. Yet, is it also possible to think of choreography as an instruction to an event? Can one overcome the contradiction inherent in the instrumental repetition of choreography on the one hand and the singularity of an event on the other? Is it possible to re-think choreography in terms of an event, thereby creating discontinuity within its continuous structure?
     The project will address these questions both on a theoretical and on an artistic level. Taking into account everyday movements in urban settings as well as stylized movements in stage settings, it aims to transfer the event’s aesthetic onto choreographic structures marked by a production of events. Relying on theory and choreography, a method will be developed to set movements and the visualization of events that provoke their very own forms of de-setting and of interruption. The project thus hopes to explore options for creating events that showcase a performative take on image production.

VITA
Saskia Oidtmann began her studies in Film and Television, Theatre, and Art History at Ruhr-Universität Bochum. She continued with a study of Dance and Choreography at the Laban Centre London (BA, honors, 2005), and then carried on with Film and Theatre Studies at the Freie Universität in Berlin (Magistra Artium 2011). Since 2005, Oidtmann has worked as a dance and film artist. Her focus lies on the crossover between dance and movement and other forms of expression, often including film.

Nisaar Ulama


›Das biopolitische Bild‹. Über eine Konstellation aus Epistemologie, Politik und Ästhetik.

›Biopolitik‹ meint Michel Foucault zufolge eine spezifisch moderne Verbindung von Wissen und Macht, die auf die Optimierung, Normierung und Regulierung des Menschen in Bezug auf seine biologische Existenz zielt. Das wissenschaftliche wie politische Interesse für die seit dem 17. Jahrhundert neu entdeckten Gesetzmäßigkeiten des Lebens richtet sich infolgedessen nicht allein auf den menschlichen Individualkörper. Es produziert außerdem einen neuen politischen Kollektivkörper: die Bevölkerung.
     Mit dem Konzept der Bevölkerung ist jedoch nicht nur ein politisches Programm, sondern auch ein erkenntnistheoretisches Problem aufgeworfen, welches mit einer besonderen Form der Visualisierung verknüpft ist: ›Der Mensch‹ und ›die Bevölkerung‹ sind nicht als starre Objekte der Souveränität repräsentierbar (so wie noch der Titelkupfer von Hobbes’ »Leviathan« eine Vertragsgemeinschaft als Kollektivkörper zeigen konnte). Denn es handelt sich hier um epistemische Konzepte, deren Eigenschaften nur als stetiger Prozess der Erforschung, der Skalierung und der Differenzierung existieren.
     Auf diese Anforderungen antworten Formen operativer Bildlichkeit (wie beispielsweise Karten und Diagramme). In ihrer bildlichen Logik wird das abstrakte Konzept ›Bevölkerung‹ nicht nur sichtbar, sondern als Objekt der Erkenntnis auch handhabbar – und somit Teil einer Regulierungspraxis. Das Dissertationsvorhaben untersucht, inwiefern diese Logik operativer Bildlichkeit mit der von Foucault beschriebenen Konstellation aus Macht und Wissen zusammenhängt. Die Episteme der Moderne und mit ihr das ›Zeitalter des Menschen‹ lassen sich, so die These, wiederfinden in jenen Visualisierungen, die ich als ›biopolitische Bilder‹ bezeichne.

VITA
Nisaar Ulama hat Philosophie, Politische Wissenschaft und Völkerrecht an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn studiert und das Studium mit einer Magisterarbeit über die Bild-Anthropologie von Hans Jonas abgeschlossen. Er ist ferner Autor von Katalog- und Ausstellungstexten, u.a. für das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt am Main und c/o Berlin.



›The Biopolitical Image‹. A Constellation based in Epistemology, Politics, and Aesthetics

According to Michel Foucault, ›biopolitics‹ refers to a specifically modern relation between knowledge and power. It is aimed at the optimization, normalization, and regulation of humans’ biological existence. Sciences’ and politics’ interest in the new laws of life – as they have been discovered since the seventeenth century and continue to be discovered today – are hence not solely concerned with the individual human body. They also produce a new collective body: the population.
     The concept of population, however, does not just designate a political program, but also poses an epistemological problem having to do with its visualization: categories such as ›man‹ and ›population‹ cannot simply be represented as solid, sovereign objects. (This rests in contradiction to the frontispiece of Thomas Hobbes’s »Leviathan«, still able to represent a community bound together by a common contract in the form of a single collective body.) Rather, they are epistemic concepts that only exist as continuous processes of investigation, scaling, and differentiation.
     Operative images (like maps and diagrams) meet these demands. In their pictorial logic, the abstract concept ›population‹ not only becomes visible but also, as an object of knowledge, manageable – and therefore part of a biopolitical practice. The dissertation analyzes the ways in which the pictorial logic of operative images is linked to the constellation of power and knowledge described by Foucault. The episteme of modernity and hence the ›age of men‹ can be found in these visualizations which I call ›biopolitical images‹.

VITA
Nisaar Ulama studied Philosophy, Political Science, and International Law at the Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn and completed his degree with a master’s thesis on the anthropology of images by Hans Jonas. He is the author of several catalog and exhibition texts, including essays for Deutsches Filmmuseum in Frankfurt am Main and c/o Berlin.

Patrick Voland


Konzeption und Implementierung raumzeitlicher Visualisierungen von Kraftfahrzeugen als mobile Sensoren

Moderne Kraftfahrzeuge verfügen über eine Vielzahl an Sensoren, welche für einen reibungslosen technischen Betrieb sowie die steigende Zahl an vielfältigen Fahrerassistenzsystemen benötigt werden. In diesem Zusammenhang erweitert ›Extended Floating Car Data‹ (XFCD) das Konzept ›Floating Car Data‹ (FCD) und besitzt hierbei eine zentrale Bedeutung. Das Erfassen, Verarbeiten und Visualisieren von Daten eines oder mehrerer Fahrzeuge kann vor dem Hintergrund der ›(Geo-) Visual Analytics‹ dazu dienen, explorative oder konfirmatorische Analysen des Fahr- und Umweltverhaltens vorzunehmen. Eine raumzeitliche Betrachtung, speziell unter webbasierter Anwendung kartographischer Visualisierung, in Kombination mit weiteren Visualisierungsmethoden bietet auch fachfremden Benutzern eine geeignete Möglichkeit zur Auswertung, wobei sich die Umsetzung stets nach dem spezifischen Kontext richtet.
     Wie aber können diese Daten möglichst automatisiert erfasst, verarbeitet, visualisiert und bereitgestellt werden? Welche Sachverhalte sind besonders interessant, welche Sensordaten lassen sich auf diese Weise nutzen und wie können diese sinnvoll kombiniert, verarbeitet, visualisiert sowie analysiert und interpretiert werden? Welche Visualisierungskomponenten und -strategien können genutzt werden und wie können diese beschrieben, gruppiert und angewendet werden? Vor dem Hintergrund der Visualisierungspipeline gilt es, in jedem Schritt des Filtering, Mapping und Rendering geeignete Komponenten und Strategien zu identifizieren und zu entwickeln. Das Ziel liegt darin, diese in einem regelbasierten Ansatz zusammenführen und anwenden zu können.

VITA
Patrick Voland war von 2007 bis 2011 Student der Regionalwissenschaften und von 2011 bis 2014 Masterstudent in Geoinformation und Visualisierung an der Universität Potsdam. Er hat mehrjährige Erfahrungen in der IT-Wirtschaft, 2001 bis 2005 Atos Origin, 2006 bis 2013 studentische und wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Geographie und von 2013 bis 2014 technischer Mitarbeiter der Fachgruppe Geoinformatik an der Universität Potsdam.



Concept and Implementation of Spatio-Temporal Visualizations for Motor Vehicles as Mobile Sensors

Modern cars are equipped with a large number of sensors necessary for a smooth technical workflow as well as for supporting the ever-growing number of advanced driver assistance systems. Reacting to this situation, ›extended floating car data‹ (XFCD) expands on the concept of ›floating car data‹ (FCD) and takes on a central role in future developments. Implementing methods from the field of (geo-)visual analytics, recording, processing, and visualizing data of one or more vehicles can be used to analyze driving styles and environmental behavior. A spatio-temporal point of view – especially regarding web-based applications of cartographic visualizations in combination with other methods of depiction – enables users to interpret the car’s data. The different applications, however, will have to take into account each specific context.
     Still, how can the data be recorded, processed, visualized, and displayed in an automated fashion? What are the most interesting facts? Which data can be used in this way and how can it be combined, processed, visualized, analyzed, and interpreted in a logical and productive way? Which components and strategies of visualization are most effective? And how can they be defined, combined, and eventually applied? Against the backdrop of the visualization pipeline, it is necessary to identify and develop suitable components and strategies for each stage of filtering, mapping, and rendering. The intention is to combine and utilize them in a rule-based approach.

VITA
Patrick Voland studied Regional Studies, and then continued as a master’s student in Geoinformation and Visualization at the University of Potsdam. From 2001 to 2005, he worked for Atos Origin. And from 2006 to 2013, he was a reasearch assistant in the Department of Geography, followed by a position in the Section of Geoinformation Sciene at the University of Potsdam.

Maria Weilandt


Stereotype im Kontext visueller Kulturen: Die Parisienne

Im Zentrum des Promotionsprojekts steht die Frage danach, wie Stereotype entstehen und vermittelt werden. Dabei gehe ich von der grundlegenden These aus, dass Stereotype nicht nur textuell, sondern auch visuell entwickelt werden. In der Arbeit wird darauf aufbauend der Versuch unternommen, genuin bildliche Strategien bei der Produktion von Stereotypen herauszuarbeiten, die allerdings stets mit textuellen Strategien in Verbindung gesetzt werden. Stereotype können in meinem Verständnis nur dann in ihrer Komplexität durchdrungen werden, wenn sie als Bild-Text-Phänomene analysiert werden, die in wechselseitigem Bezug zu gleichzeitig existierenden ästhetischen und sozialen Diskursen stehen. Stereotype werden, über die binären Kategorien von Auto- und Heterostereotyp hinaus, in der Arbeit als dynamische Konstrukte betrachtet, deren Gestaltung prozesshaft verläuft und durchaus auch Ambivalenzen beinhalten kann. Untersucht werden deren Rolle(n) in unterschiedlichen Kommunikationszusammenhängen, ihre aktive Ausgestaltung von verschiedenen ProduzentInnen innerhalb wechselnder Medien, ihre zeitliche, räumliche und gruppenspezifische Verortung sowie die vielfältigen Interdependenzen zwischen Kultur und Stereotyp. Aus diesen Überlegungen geht eine Neubestimmung des Begriffs Stereotyp hervor, die dessen Visualität bedenkt und in die Definition integriert.
     Das Fallbeispiel, an dem das Stereotypenkonzept der Arbeit entwickelt wird, ist das der typisierten Pariserin. Die sogenannte ›Parisienne‹ ist ein Stereotyp, das ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an Popularität gewinnt und beständig visuell und textuell weiterentwickelt wird. Zwischen Auto- und Heterostereotyp changierend, ist es Knotenpunkt verschiedenster raum-/zeitgebundener Diskurse – so unter anderem zu Nationalität, Urbanität, Modernität, Konsum und Weiblichkeit.

VITA
Maria Weilandt studierte bis 2010 Kunstgeschichte sowie Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin. Ein Auslandssemester verbrachte sie am Kunsthistorischen Institut der Université Panthéon-Sorbonne in Paris. Ihre Bachelorarbeit schrieb sie zur Rezeption der »Malle Babbe« von Frans Hals. Im Anschluss daran studierte Weilandt Vergleichende Literatur- und Kunstwissenschaft an der Universität Potsdam und schloss das Studium 2013 mit der Masterarbeit »Die Parisienne in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ein Typus zwischen Kunst, Konsum und Modernität« ab. Seit Juli 2013 ist sie Doktorandin im Fach Kulturwissenschaft am Institut für Künste und Medien der Universität Potsdam.



Stereotypes in the Context of Visual Culture. The Parisienne

The dissertation interrogates questions of the production and transmission of stereotypes by insisting on the role that visual (and not just textual) elements play in such processes. Based on this assumption, the project will focus on primarily pictorial strategies of stereotyping, analyzing their relationship to correlative textual strategies. In my understanding, stereotypes can only be understood in their entirety if they are analyzed as visual and textual phenomena that are closely linked to social and aesthetic discourses. The dissertation thus examines stereotypes beyond the binary categories of auto- and hetero-stereotype. They are regarded rather as dynamic figures that evolve continuously and often remain ambivalent. In my research, I will analyze the function of stereotypes in different communicative settings, their production in various media, their temporal, spatial and group-specific meanings, as well as the manifold connections between stereotypes and culture. As a result of these considerations, I will develop a new definition of the term stereotype that integrates visual dimensions.
     The case study from which I will develop this definition is the ›typical‹ Parisian woman. The so-called ›Parisienne‹ – a figure developed simultaneously in text and image – has been popular since the second half of the nineteenth century. Oscillating between auto- and hetero-stereotype, the ›Parisienne‹ is situated at the intersection of various discourses, including nationality, urbanity, modernity, consumerism, and femininity.

VITA
Maria Weilandt studied Art History as well as Journalism and Communication Studies at the Freie Universität Berlin and spent one semester at the Art Historical Institute of the Université Panthéon-Sorbonne in Paris. She wrote her BA thesis on the reception of Frans Hals’s »Malle Babbe«. She then studied Comparative Literature and Art History at the University of Potsdam. Her MA thesis was entitled »The Parisienne in the Second Half of the 19th Century. A Figure between Art, Consumerism, and Modernity«. Since 2013, Weilandt is a doctoral candidate in Cultural Studies at the University of Potsdam’s Department of Art and Media.

GastdoktorandInnen aus Wien im SoSe 2014 (01.04.2014 – 30.09.2014)

Hanna Brinkmann


The Cultural Eye – eine empirische Studie zur kulturellen Bedingtheit von Kunstwahrnehmung

In der kunsthistorischen Forschung werden seit über hundert Jahren in theoretischen Arbeiten zur Wahrnehmung von Kunst gruppenspezifische Übereinstimmungen angenommen. Diese werden vor allem auf geographische, historische oder soziale Gemeinsamkeiten der Betrachtenden zurückgeführt. Es gibt zahlreiche Versuche, kulturell bedingte Sehgewohnheiten zu bestimmen. Sie basieren auf der Analyse von Kunstwerken und schriftlichen Quellen. Da der Sehakt jedoch post hoc nicht direkt gefasst werden kann, bleiben sie notgedrungen theoretisch-spekulativ. Das interdisziplinäre Forschungsprojekt »The Cultural Eye«, das sich zwischen Kunstgeschichte, Visual Culture Studies und Wahrnehmungspsychologie bewegt, möchte die bisherigen Studien zu einer kulturellen Bedingtheit von Kunstwahrnehmung durch eine empirische Herangehensweise ergänzen, wobei Eye Tracking und Fragebögen zu Einsatz kommen.

VITA
Hanna Brinkmann ist Doktorandin der Kunstgeschichte an der Universität Wien und wissenschaftliche Projektmitarbeiterin im Labor für empirische Bildwissenschaft des Instituts für Kunstgeschichte. 2010 schloss sie das Studium der Kunstgeschichte, Psychologie und Rechtswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität in München ab. Thema der Magisterarbeit: »Der Zyklus ‚Ein Weberaufstand‘ von Käthe Kollwitz und seine Rezeption in der deutschen Kunstgeschichte«. Seit 2013 ist sie Stipendiatin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Teil des interdisziplinären DOC-team Projekts »Bildpraktiken« (http://bildpraktiken.wordpress.com/).



The Cultural Eye. An Empirical Study on the Cultural Variety of Art Perception 

The act of viewing art is an essential aspect of art history. The question why individual reactions to the same piece of art are often very different has been discussed for over hundred years. Art historians have always focused on group-specific similarities especially those based on geographic, historical or social commonalities. There are many attempts to identify cultural beholding habits. These are based upon the analyses of artworks and written sources. Since the act of viewing cannot be grasped post hoc, it has to remain theoretical-speculative. The interdisciplinary research project »The Cultural Eye« ranges between art history, visual culture studies and psychology of perception and takes an empirical approach with eye tracking and questionnaires to complement the former studies on cultural variety in art perception.

VITA
Hanna Brinkmann is a PhD student in art history at the University of Vienna and scientific associate at the Laboratory for Cognitive Research in Art History which is part of the department of art history. 2010 she graduated in art history, psychology and law from the Ludwig-Maximilians-University in Munich. The subject of the Magister's Thesis: »Der Zyklus ‚Ein Weberaufstand‘ von Käthe Kollwitz und seine Rezeption in der deutschen Kunstgeschichte«. Since 2013 she holds a scholarship of the Austrian Academy of Science and is part of the interdisciplinary DOC-team project »picture practices«
(http://bildpraktiken.wordpress.com/).

Rosa John


Material denken. Die kinematografische Apparatur und die Praktiken der Avantgarde (AT)

Unter dem Aspekt der Dinglichkeit verbindet das Dissertationsprojekt technische und künstlerische Bereiche der Kinematografie. In der analytischen Verknüpfung von industriell-konfektionierten Produkten und Filmen der Avantgarde (beides Artefakte) wird der Eigensinn der Dinge erforscht. Die normierten Vorgaben der Technik präfigurieren die Bildaneignung, die experimentellen Praktiken der Avantgarde verhandeln diese Vorgaben. Die physische Erfahrung des Mediums bei der künstlerischen Operation generiert spezifisches Wissen und Denken, dessen Inkorporation zur Erweiterung filmwissenschaftlicher Befunde beiträgt. Ziel ist, Materialität, Funktionalität und potentielle Handlungsspielräume von bildgenerierender Apparatur aufzuzeigen sowie die Geschichte des Avantgardefilms auf technische Mittel und industriell determinierte Formen rückzuführen. Im Aufbau der Dissertation wird dies theoretisch begründet und im Speziellen am Beispiel der Bolex H16-Kamera und ausgewählten Filmen der 1940er bis zur Gegenwart exemplifiziert.

VITA
Rosa John ist Doktorandin der Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien und bildende Künstlerin. Sie hat Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien und Athen studiert und mit einer Diplomarbeit zu den antiken Mänaden und der Überlieferung ihrer Ekstase-Praktiken abgeschlossen. Parallel dazu hat sie künstlerische Fotografie und unabhängigen Film an der Schule Friedl Kubelka studiert und arbeitet mit Super8- und 16mm Film, Video, Fotografie und Papier. Seit 2013 ist sie Stipendiatin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Teil des interdisziplinären DOC-team Projekts »Bildpraktiken« (http://bildpraktiken.wordpress.com/).



Material Thinking. The Cinematographic Apparatus and Practices of the Avant-Garde

Concerning the aspect of materiality the PhD-project combines technical and artistic realms of cinematography. In the analytical linking of mass industry products and films of the avant-garde (both perceived as artefacts) I want to explore the "idiosyncrasy of things". The available material standards preset the ways of appropriating pictures and the experimental practices of the avant-garde reflect those presettings. The bodily experience of the medium throughout the artistic operation generates a specific kind of knowledge and thinking – an integration of which shall expand the filmtheoretical horizon. The project aims to exhibit materiality, functionality and potentials in the range of handlings, and to bind back the history of avant-garde film to its technical means and industrially determined forms. Therefore I will focus on a theoretical exploration and an exemplification of the Bolex H16 camera and selected films of the 1940s to present.

VITA
Rosa John is a PhD-candidate of Theatre, Film and Media Studies at the University of Vienna and a visual artist. She did Theatre, Film and Media Studies in Vienna and Athens, the topic of the diploma thesis were the Maenads and the records of their ecstatic practices. Besides that she studied artistic photography and independent film at School Friedl Kubelka and now works with Super8- and 16mm-film, video, photography and paper. Since 2013 she holds a fellowship of the Austrian Academy of Science and is part of the interdisciplinary DOC-team project »picture practices«
(http://bildpraktiken.wordpress.com/).

Maria Schreiber


Bild 2.0 – Bildpraktiken im digitalen Zeitalter

Durch Digitalisierung, Medienkonvergenz und Social-Media-Plattformen hat sich der Umgang mit Fotografie scheinbar radikal verändert. Das Smartphone ist dabei Dreh- und Angelpunkt alltäglicher visueller Kommunikation, die Zirkulation von Schnappschüssen erlangt durch Mobilität und Vernetzung der Geräte eine neue Dynamik. Doch haben sich soziale Funktionen wie Vergemeinschaftung und Identitätsstiftung, die private Fotografie schon immer hatte, tatsächlich gewandelt? Das sozialwissenschaftliche Projekt untersucht, basierend auf einer empirischen, qualitativen Studie, wie Praktiken des Teilens und Zeigens von Fotos mit und auf dem Smartphone in den Alltag von Jugendlichen und älteren Menschen eingebettet sind. Ziel ist es, zu hinterfragen ob und wie alters- und generationsspezifische Erfahrungen mit fotografischen Technologien die unterschiedlichen Kulturen des Teilens und Zeigens mitkonstituieren.

VITA
Maria Schreiber ist Doktorandin der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien. Nach Abschluss des Studiums der Publizistik und Soziologie war sie einige Jahre in der Unternehmenskommunikation tätig, anschließend in einem methodologischen Forschungsprojekt zur ‚Kommunikation im Medium Bild’ und lehrte danach an der FH Wien der WKW. Seit 2013 ist sie Stipendiatin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Teil des interdisziplinären DOC-team Projekts »Bildpraktiken« (http://bildpraktiken.wordpress.com/).



Image 2.0 – Pictorial Practice in a Digital Age

Practices of personal photography seem to have changed radically through digitalisation, media convergence and social media platforms. The smsartphone is the pivotal point of everyday visual communication, the circulation of snapshot is further accelerated trough mobility and networked cameras. Photography always had social functions like social bonding or shaping of identity, have those really changed? Based on an empirical, qualitative study, the social-scientific project investigates how practices of Showing and Sharing of photos on and with the smartphone is embedded in everyday lives of teenagers and seniors. The aim is to question and reconstruct how age- and generationsspecific experiences with photographic technologies co-constitute varying cultures of showing and sharing.

VITA
Maria Schreiber is a PhD student of Media and Communication Studies at the University of Vienna. After gaining a diploma in Media Studies and Sociology she worked in corporate communications for a few years, after that returned to University to work on a methodological project about ‘Iconic Communication’ and taught at the FHWien der WKW. Since 2013 she holds a fellowship of the Austrian Academy of Science and is part of the interdisciplinary DOC-team project »picture practices«
(http://bildpraktiken.wordpress.com/).    

1. Gruppe (01.04.2011 – 31.03.2014)

Martin Beck


Konstruktion und Entäußerung. Zur Rationalität und Logik des Bildes bei Kant und Hegel

Was ist Denken in Bildern? Diese Frage lässt sich nicht allein anthropologisch oder kulturwissenschaftlich klären, sondern setzt die abendländische Rationalitätstradition voraus, die aber als bildvergessen oder bildfeindlich gilt. Die Anschlussfrage lautet daher: Welche Selbstkritik erlaubt es der Philosophie, Bilder als Denkmedien ernst zu nehmen? Wo muss sie historisch und systematisch ansetzen? Hier wendet sich die Arbeit gegen die These Gottfried Boehms, dass die »abendländische[] Theoriegeschichte, … bis anhin nie wirklich dahin gelangte, dem Logos einen präverbalen, insbesondere ikonischen Sinn zuzugestehen.« Die Gegenthese dieser Arbeit lautet, dass der iconic turn in der philosophischen Ästhetik bereits avant la lettre vollzogen wurde, nämlich in Kants transzendentaler Ästhetik und Hegels Kunstphilosophie, die beide als eine Kritik intellektualistischer Metaphysik auftreten. Gegen eine Philosophie, die ihre Denkgegenstände in einer Sphäre rein rational und diskursiv adressierbaren Seins verortet, zeigen Kant und Hegel, dass der Mensch in seinem Welt- und  Selbstverständnis irreduzibel auf Anschauung bezogen ist. Erst wenn die Denkgegenstände selbst nicht mehr unsichtbar, sondern sichtbar verfasst sind, steht der Weg von einem reinen Denken der Metaphysik zu einem ästhetischen Denken in Bildern offen. Hieraus ergibt sich das Projekt, Kant und Hegel als Bildtheoretiker zu lesen und so systematisch für die Bildphilosophie fruchtbar zu machen. Schwerpunkte sind dabei Kants Geometrietheorie und Hegels Malereitheorie, die beide vom denkenden Umgang mit konkreten Bildartefakten handeln.

VITA
Martin Beck hat Philosophie sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Hamburg und Berlin studiert und mit einer Magisterarbeit über Kants Kritik der Urteilskraft abgeschlossen. Als Kurator war er an verschiedenen Ausstellungs- und Kunstprojekten beteiligt (u.a. ›fake or feint‹, 2009; ›lobby‹, Berlinale Forum Expanded 2010).



Konstruktion and Entäußerung. The Rationality and the Logic of the Image according to Kant and Hegel

What does it mean to think in images? This question needs to be addressed not only by anthropology or cultural studies, but in relation to the western tradition of rational thought. As this tradition is deemed to be oblivious or even hostile to images, a follow-up question arises: Which kind of self-criticism allows philosophy to seriously engage with the image as a medium of thought? Where does it have to start historically and systematically? In regard to these questions, the dissertation takes a stance against Gottfried Boehm’s assertion that ›until now the western tradition of theory never achieved to concede a preverbal and especially iconic dimension to the logos‹. The counter-thesis of this dissertation asserts: within the tradition of philosophical aesthetics, the iconic turn has already taken place avant la lettre, namely in Kant’s transcendental aesthetics and Hegel’s theory of art. Both entail a criticism of intellectualist metaphysics. Against a philosophy that locates its objects of thought in a realm of being that can be addressed purely rationally and discursively, Kant and Hegel show that man is irreducibly reliant on ›Anschauung‹ (intuition) in the relation to himself and his world. Only when the objects of thought themselves are not invisible but visible, a path opens up from a pure thinking of metaphysics to an aesthetic thinking in images. These considerations motivate the project to read Kant and Hegel as image theorists and make their works productive for image theory. The focal points are Kant’s theory of geometry and Hegel’s theory of painting, two modes of thinking engaged with concrete image artefacts.

Amrei Buchholz


Alexander von Humboldts Modell der Erdkruste. Vergleichendes und verknüpfendes Sehen im Atlas du Nouveau Continent

Alexander von Humboldt selbst bezeichnet seinen Atlas géographique et physique des régions équinoxiales du Nouveau Continent (Paris, 1814–1837) als seinen »generellen Reise-Atlas«. In der etwa 35 Jahre währenden Arbeit an ihm entsteht ein hochkomplexes Kartenwerk, das Humboldts wissenschaftlichen Erkenntnisse im Visuellen verdichtet: Werden die Karten in einer bestimmten und ihnen vorgegebenen Kombination verknüpfend bzw. vergleichend rezipiert, so tut sich vor dem Auge des Betrachters ein komplexes Modell der Erdkruste auf. Es gibt ebenso Auskunft über deren dreidimensionale räumliche Ausdehnung und Entstehung in der Zeit als auch über die Bewegungen natürlicher und kultureller Prozesse auf der Erdoberfläche. So zentral dieser Atlas für Humboldts Werk ist, so wenig ist er bislang in den Blickpunkt der Forschung gerückt. Das Dissertationsprojekt arbeitet nun erstmals seine Werkgenese auf und beschreibt seine Konzeption. Bei dieser Analyse zeigt sich, dass die Korrespondenz der Karten untereinander über die ikonische Ebene gewährleistet wird: In der Kombination und Abfolge ihrer Auslieferung finden die Karten über ihre figurativen Strukturen zusammen. Über sie wird ein vergleichendes und verknüpfendes Sehen ersichtlich, auf dem die wissenschaftliche Argumentation des Atlasses beruht. Die in dieser Arbeit geleistete bildwissenschaftliche Erschließung des Atlas du Nouveau Continent zeigt exemplarisch, welche komplexen Potentiale in gerichteten, nicht linearen Bildfolgen und dem damit verbundenen verknüpfenden Sehen verborgen liegen. Methodisch wurden diese von der Kunstgeschichte noch kaum beleuchtet. Am Atlas Humboldts wird deutlich, dass in den Zwischenräumen der Karten nicht nur die materiellen Grenzen des Einzelbildes ins Wanken geraten, sondern mit ihnen auch Kriterien der Bildanalyse, wie etwa solche von Statik und Bewegung. Der wissenschaftlichen Argumentation mit Bildern werden durch Bildfolgen neue Horizonte geöffnet. Die Dissertation stellt so nicht nur ein methodisches Desiderat in der Kunst- bzw. Bildwissenschaft heraus, sondern weist auf das spezifische Potential solcher gerichteter Bildfolgen innerhalb wissenschaftlicher Argumentationen hin.

VITA
Studium der Neueren deutschen Literatur, Kunstgeschichte und Lateinamerikanistik in Berlin, Madrid und Buenos Aires. 2011-2014 Stipendiatin des DFG-Graduiertenkollegs »Sichtbarkeit und Sichtbarmachung. Hybride Formen des Bildwissens« an der Universität Potsdam. 2014 Abgabe der Promotion zum Thema »Alexander von Humboldts Modell der Erdkruste. Vergleichendes und verknüpfendes Sehen im ›Atlas du Nouveau Continent‹«. Seit 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg, DFG-Forschungsprojekt »Glokalisierungsprozesse in der Ordenskunst der Frühen Neuzeit« (Unterprojekt 2 »Die Jesuitenreduktionen«).

E-Mail: amrei.buchholz(at)uni-hamburg.de



Alexander von Humboldt’s model of the earth’s crust: the
Atlas du Nouveau Continent

Alexander von Humboldt considered his Atlas géographique et physique des régions équinoxiales du Nouveau Continent (Paris, 1814–1837) as the »general Atlas« of his travels through the Americas. In a work in progress that lasted for more than 35 years, Humboldt invented a highly complex map series, clarifying his scientific results in a visual mode. Compared and connected in a specified order, the 39 maps unfold a model of the earth’s crust. It details the earth’s three-dimensional structure and history, as well as the processes on the earth’s surface. Even though the Atlas plays a key role in Humboldt’s oeuvre, it has not been analyzed hitherto. My research clears the Atlas’ genesis and describes its concept for the first time. This analysis reveals that the maps correspondences depend on their iconography, hence the maps figural structures warrent a specific – connective and comparative – visual argumentation. From an art-historical point of view, my research deals with the complex potentials of non-linear image series in epistemic contexts. In terms of methodological studies, these image series are relatively unproven. Humboldt’s Atlas shows that image series pose new challenges for visual studies in general: not only the materiality of the picture is being questioned, but also the analytic criteria which involves its movement and statics.

VITA
Amrei Buchholz studied Modern German Literature, Art History, and Latin American Studies in Berlin, Madrid, and Buenos Aires. From 2011 to 2014 she held a PhD scholarship within the DFG Research Training Group »Visibility and Visualisation – Hybrid Forms of Pictorial Knowledge« at Potsdam University. She submitted her thesis, »Alexander von Humboldt’s model of the earth’s crust: the Atlas du Nouveau Continent«, in 2014. Since december 2014, she is a Research Associate at the Department of Art History, University of Hamburg, DFG Research Project »Glocalization Processes in the Art of Religious Orders in Early Modern Period« (Subproject 2 »The Jesuit Reductions«).

Sophie Ehrmanntraut


Personal Computer. Geschichte eines Dispositivs

Ende der 1970er Jahre zieht mit dem Personal Computer das Dispositiv der technologischen Gesellschaft in private Haushalte ein. Die häufig sogenannte ›Home Computer Revolution‹ transformiert die gesamte Gesellschaft und das Attribut ›personal‹ bindet fortan den individuellen Nutzer an das Gerät. Die Arbeit geht der Frage nach, wie sich eine Technologie, die zuvor anderen gesellschaftlichen Bereichen (Militär, Verwaltung, Industrie, Wirtschaft und Wissenschaft) vorbehalten war, in den privaten Gebrauch einschreibt. Die Arbeit stellt damit auch die Frage nach der Umsetzung der Techno-Logisierung der Gesellschaft, die in Begriffen wie ›Informationszeitalter‹ und ›Netzwerkgesellschaft‹ immer schon vorausgesetzt wird.
     Das diskursanalytische und medienarchäologische Projekt geht methodisch vom Dispositiv- Begriff Foucaults aus. Der PC als Dispositiv wird in Anlehnung an Foucault als »heterogenes Ensemble« von Sichtbarkeiten und Unsichtbarkeiten aufgefasst. Die in Bezug auf die Untersuchung der individuellen Nutzung von Computertechnik aufschlussreichen Archive reichen von wissenschaftlichen Studien und Forschungsberichten über Oral-Histories, Werbung, Zeitschriften, Statistiken, Bedienungsanleitungen bis zu Ratgebern, Katalogen und den Dokumentationen von User Groups.
     Der Personal Computer und seine User sind zur Markteinführung eine Fiktion. Zu seiner Standardausstattung gehören Recheneinheit, Peripheriegeräte wie Monitor, Tastatur, später auch Maus und Softwarepakete (Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Spiele). Das Dispositiv, das mit dem Namen PC bezeichnet wird, entzieht sich jedoch der Abbildbarkeit. Bestenfalls wird es sichtbar als »blank piece of paper«, so begreift Douglas Engelbart die Urszene jeder Interaktion mit der Technologie. Insbesondere bezeichnet Ted Nelson die Begegnung zwischen Menschen und Computer als magisch: Früher oder später springe der Funke von der Maschine auf den Nutzer über und elektrisiere sein Denken. Das ›leere Blatt‹ wird paradigmatisch für die Beziehung, welche die User – Erfahrene wie Laien – zu ihren Heimcomputern aufbauen. In ihrer Studie »The Subjective Computer« (1982) über die Psychologie von personal computation bezeichnet Sherry Turkle diese Beziehung als intim. Der Effekt des Dispositivs liegt damit sowohl in der ›Techno-Logisierung‹ des Individuums (und seiner Subjektivierung) als auch umgekehrt in der Sozialisierung der Technologie, die mit der Einführung des PCs einsetzt.

VITA

Sophie Ehrmanntraut studierte Medienwissenschaft, Kulturwissenschaft und Germanistik in Bochum, Dunkerque (F), Potsdam und Princeton (USA). Seit 2011 ist sie Doktorandin im DFG-Graduiertenkollegs »Sichtbarkeit und Sichtbarmachung. Hybride Formen des Bildwissens« an der Universität Potsdam. 2014 war sie Koordinationsstipendiatin an der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart.


 
Personal Computer. History of a Dispositif

By the end of the 1970s, the dispositif of technological society enters private homes in the form of the personal computer. The socalled ›Home Computer Revolution‹ transforms society, and from then on the attribute ›personal‹ links individual users to devices. The project interrogates how technology, which was until then reserved for other social sectors (military, administration, industries, economy, and science), inscribes itself in private use. Moreover the project alludes to the realization of the techno-logization of society, which is always already implied in terms like ›information age‹ or ›network society‹.
     Methodologically this discourse analytical and media archeological project refers to Foucault’s term of the dispositif. Accordingly, the PC as dispositif is understood as a »heterogeneous ensemble« of visibilities and invisibilities. The archives that document the individual use of computer technology range from research papers and reports to oral histories, advertisements, magazines, statistics, user manuals, guides, catalogs, and user group bulletins.
     At the time when it was commercially launched the personal computer and its users were fictional. Its standard features were a central processing unit and peripheral devices such as monitor, keyboard, later also the mouse, as well as and software packages (word processing, spreadsheet and games). The dispositif which is labeled with the name personal computer eludes depiction. At best, it becomes visible as a »blank piece of paper« as Douglas Engelbart puts it 1968 in his famous talk »A Research Center for Augmenting Human Intellect«. He perceives of it as the primal scene of all interaction with computer technology. Ted Nelson refers to the encounter of man and machine as magical (The Home Computer Revolution, 1977). Sooner or later the machine electrifies the user and his or her thought. The ›blank piece of paper‹ becomes the paradigm of the relationship that users – experienced or laymen – construct to their home computers. In her study on the psychology of personal computation »The Subjective Computer« (1982) Sherry Turkle marks this relationship as intimate. Hence not only is the techno-logization of the individual (and its subjectivization) based on the dispositif, but the socialization of the technology starts with the introduction of the personal computer.

VITA
Sophie Ehrmanntraut studied media, culture and German in Bochum, Dunkerque (F), Potsdam and Princeton (USA). Since 2011 she has been a fellow at the DFG research training group »Visibility and Visual Production: Hybrid Forms of Ikonic Knowledge« at the University of Potsdam. In 2014 she held a coordination fellowship at Akademie Schloss Solitude in Stuttgart.

Denise Grduszak


Visuelle Rezeptionslenkung in Bilderhandschriften zwischen 1150-1250

Ausgehend von der Annahme, dass Bildern in mittelalterlichen Handschriften synästhetische Rezeptionsangebote inhärent sind, deren Verständnis jedoch zum Teil beachtlich durch die kulturhistorische Kluft zwischen mittelalterlicher und moderner Wahrnehmung erschwert ist, beabsichtige ich mit meinem Promotionsvorhaben die Analyse visueller Vermittlungsstrategien in Miniaturen sowie darauf aufbauend die Rekonstruktion von historischen Wahrnehmungsmodalitäten und spezifischer Bildkompetenz. Das Untersuchungscorpus sind Bilderhandschriften aus unterschiedlichen Rezeptionszusammenhängen: der lateinisch-klerikalen, der volkssprachlich-laikalen sowie der weltlich-höfischen Schriftkultur.
     Anhand dieser werde ich die Blick- und Aufmerksamkeitslenkung durch Figurenblicke,die Rahmungen als Schnittstelle zwischen Bild- und Betrachterraum sowie die ins Bild integrierten Schriften als visuelle Steuerungselemente von Vermittlungsprozessen analysieren. So rückt auch ein durch den Übergang von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit in der Volkssprache gekennzeichneter Zeitraum in den Blick, in welchem sich innerhalb der höfischen Kultur neue Modi der bildlichen Wissensvermittlung ausprägen, für die wiederum die Adaptation geistlicher Bildmuster eine wesentliche Rolle spielt. Der mediale Wandel sowie die klerikale Bildtradition werden bei der Einschätzung der historischen Wahrnehmungsmodalitäten berücksichtigt; im Mittelpunkt steht aber die Untersuchung der Aufmerksamkeitslenkung der Betrachter durch visuelle Rezeptionsangebote und deren spezifische Vermittlungsfunktion.

VITA
Denise Grduszak studierte Germanistik, Medienwissenschaft und Umweltwissenschaften an der Universität Potsdam. Das Magisterstudium schloss sie 2010 mit einer Arbeit über die Blickkonstellationen in den Miniaturen des Berliner Eneasromans ab. Die Arbeit wurde mit dem Hans-Jürgen-Bachorski-Preis der Philosophischen Fakultät ausgezeichnet. Bis Juli 2013 war sie Stipendiatin im »DFG-Graduiertenkolleg Sichtbarkeit und Sichtbarmachung«. Seit August 2013 ist sie wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Germanistische Mediävistik der Universität Potsdam.

Email: grduszak(at)uni-potsdam.de

 


 

The Control of Visual Reception in illuminated Manuscript's between 1150 and 1250

Building on the premise that pictures in medieval manuscripts form an inherent part of synaesthetic forms of reception, the general understanding of which is made all the more difficult by the cultural/ historical gap between medieval and modern perception, my project proposes to analyse visual communication strategies that can be found in miniatures and to reconstruct historical modes of perception including the particular image-reading competences involved. The material to be investigated includes illuminated manuscripts from arange of different contexts, such as Latin clerical texts, vernacular texts composed for a lay audience, as well as examples of courtly literature in the vernacular.
     My research will concentrate on the diverse means employed to direct the viewers’ attention: The gaze of the depicted figures, frames as intersections between the space of the image and that of the observer, and text elements integrated into the picture will be analyzed as visual control mechanisms within processes of communication. During a period of transition from oral to written expression in the vernacular languages, new modes of pictorial communication of knowledge developed within court culture, and the adaptation of clerical image patterns plays a vital role in the process. Medial transformation and theological traditions of using images thus contribute to historical modes of perception and must receive due consideration. The focus however is on the various ways in which viewers’ attention iscontrolled by visual presentations and their particular communicative function.

VITA
Denise Grduszak studied German, Media Science and Environmental Studies at Potsdam University. Her Magister thesis on gaze constellations in the miniatures of Berlin Eneas Novels was awarded a Hans-Jürgen-Bachorski-Prize in the philosophical faculty in 2010. Until July 2013 she was Fellow of the Research Training Centre »Visibility and Visualization«. Since August 2013 she is Research Assistant for Medieval Literature at Potsdam University.

Anita Hosseini


Die Experimentalkultur in einer Seifenblase. Das epistemische Potenzial in Chardins Malerei

◊ assoziiert

Gegenstand des Dissertationsvorhabens ist das moderne Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Kunst, wie es sich in der Mitte des 18. Jahrhunderts vor allem in Frankreich wirkmächtig vollzieht, und das in einer Popularisierung des Wissens und der starken Präsenz einer Experimentalkultur mündet. Die Dissertation untersucht, auf welche Weise Bildwerke dazu dienen, die Betrachtung der Welt zu erlernen und zu verändern. An Chardin lässt sich, so die These, zeigen, dass die Malerei nicht nur Erkenntnisse der Naturwissenschaften veranschaulichen kann, sondern selbst epistemisches Potenzial besitzt. Ausgangspunkt ist die Studie von Michael Baxandall, der das Interesse Chardins an zeitgenössischer Optik in ihrer populären Version herausgearbeitet hat. Baxandalls These, Chardin habe nicht mehr die Wahrnehmung von Substanzen, Körpern und Oberflächen dargestellt, sondern die Wahrnehmung der Wahrnehmung, soll auf das Bild Die Seifenblase übertragen werden. Das Dissertationsvorhaben soll darlegen, dass es nicht allein um die Darstellung optischer Erkenntnisse geht, sondern vielmehr um die Leistung des Bildes, diese, dem Experiment vergleichbar, nachvollziehbar zu machen und den Betrachter dazu anzuleiten, optisches Wissen durch eigene Erfahrungen, mit eigenen Augen zu erlangen.

VITA
Promotionsstudentin der Kunstgeschichte an der Leuphana Universität Lüneburg. Seit 2011 Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes. 2009 Master of Arts in Kunstgeschichte und Gender Studies – Kommunikation, Kultur, Gesellschaft. 2007 Bachelor of Arts in den Fächern Kunstgeschichte und Sozialpsychologie/-anthropologie.
2011 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Leuphana Universität Lüneburg. 2009–2011 Lehrbeauftragte und wissenschaftliche Hilfskraft des Künstlerarchivs Ulrich Rückriem an der Ruhr-Universität Bochum. 2010 Mitarbeit an der Ausstellung »Ulrich Rückriem – Zeichnungen« Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum. 2007–2009 Gründung und Leitung der studentischen Initiative »Kunst am Bau« an der Ruhr-Universität Bochum. 2007–2009 Tutorin und studentische Hilfskraft am Kunsthistorischen Institut der Ruhr-Universität Bochum.



The Experimental Culture in a Soap Bubble. The Epistemic Potential in Chardin’s Paintings

◊ associated project

Subject of the PhD project is the modern relationship between knowledge, science and art as it takes place in the middle of the 18th Century, especially in France, and which results in a popularization of knowledge and the strong presence of an experimental culture. The dissertation examines how artistic works are used to teach the view of the world and change it. Relating to Chardin the theses will show, that the painting can illustrate not only knowledge of the natural sciences, but even has an epistemic potential. The starting point is the study by Michael Baxandall, who has worked out the interest of Chardin in contemporary theories of optics in their popular version. Baxandall’s assumption Chardin has not shown the perception of substances, solids and surfaces, but the perception of perception, is to be transferred to the painting “soap bubbles” painted in the year 1739. The PhD project demonstrates that paintings do not only deal with the representation of visual knowledge. In the reception of paintings they rather achieve the power comparable with the visual experiments which should make the perception understandable and lead the viewer to gain visual knowledge through their own experience, with their own eyes.

VITA
PhD student of art history at the Leuphana University in Luneburg. Since 2011 scolarship holder of the Studienstiftung des deutschen Volkes. 2009 Master of Arts in Art History and Gender Studies – Communication, Culture and Society at the Ruhr-University of Bochum. 2007 Bachelor of Arts degree in arts history and social psychology / anthropology. 2011 Research Associate at the Department of Art History at the Leuphana University in Luneburg. 2009–2011 lecturer and research assistant of the artist archive Rückriem at the Ruhr-University Bochum. 2010 Participation in the exhibition »Rückriem – Zeichnungen« in the Museum of the Campus at the Ruhr-University Bochum. 2007-2009 Founder and director of student initiative »Kunst am Bau« at the Ruhr-University Bochum. 2007–2009 Tutor and student assistant at the Institute of Art History of the University of Bochum.

Arne König


Visualisierung von Antwortmengen

Antwortmengenprogrammierung (ASP) ist ein System zur Wissensverarbeitung mit Schwerpunkt auf unvollständigem Wissen. Anhand einer deklarativen Problembeschreibung wird mittels logischen Schließens eine Lösung für das Problem gesucht. Der dafür automatisch geführte Beweis und der Prozess der Beweisführung sind aufgrund der Komplexität der Problemstellungen und der Dynamik der Berechnungen für den Menschen schwer nachzuvollziehen.
     Ziel meines Projekts ist es, diesen Prozess und den Beweis sichtbar und verständlich zu machen. Neben einer praktischen Unterstützung der Arbeit mit ASP – ähnlich den Debuggern imperativer Programmiersprachen – soll dadurch das Verständnis für die Funktionsweise von ASP gestärkt werden. Hierbei sollen bildgebende Verfahren auch eine Brücke schlagen zwischen Entwicklern und Anwendern.

VITA
Arne König studierte 2004–2011 Informatik an der Universität Potsdam. 2011 schrieb er seine Diplomarbeit zum Thema: »Magic Set Rewriting for Answer Set Programs«.

 


 

Visualizations of Answer Sets

Answer set programming (ASP) is a system for knowledge processing that focuses on incomplete knowledge. Following a declarative description of the problem, a solution is sought on the basis of logical reasoning. Due to the complexity of the problems at stake and the dynamics of the calculation involved, the automatically generated proof and its derivation are difficult for humans to understand.
     My project aims to make this process and the resulting proof visible and comprehensible. In addition to supporting work with ASP on a practical level –similarly to the way debuggers are used for imperative programming languages – the project hopes to further understanding of the functioning of ASP. Additionally, visualization will help building a bridge between developers and users.

VITA
Arne König studied 2004–2011 Computer Science at Potsdam University. He completed his degree 2011 with a study of »Magic Set Rewriting for Answer Set Programs«.

Alicia Kühl


Modenschauen. Die Behauptung des Neuen in der Mode

Wie kommt das Neue der Mode auf die Welt? Alicia Kühl zeigt, dass das Neue nicht mehr im Modedesign, sondern im Modenschaudesign behauptet wird. In ihrer modetheoretisch fundierten Arbeit, für die sie zudem Theorien des Performativen, des Raumes, der Atmosphären und des Neuen hinzuzieht, untersucht sie Modenschauen ausgewählter Haute-Couture-und Prêt-à-porter-DesignerInnen der letzten 30 Jahre und zeichnet nach, inwieweit die in ihnen erzeugten Atmosphären als Lösung einer vestimentären »Inventionsbredouille« eingesetzt werden. Die Studie hinterfragt erstmals die Funktion und Position der Modenschau innerhalb des Modezyklus, was auch eine Neubewertung der Rolle der Kleidung nach sich zieht. 

VITA
Von 2004–2008 studierte Alicia Kühl Kulturwissenschaften, Hispanistik und Psychologie an der Universität Leipzig. Magisterarbeit zu »Die Eisenbahnstraße Leipzig vom Arbeiterquartier zum Migrantenviertel. Eine Analyse des soziokulturellen Wandels von der Gründerzeit bis heute unter besonderer Berücksichtigung der DDR.« Seit 2009: Promotion am Institut für Künste und Medien der Universität Potsdam. Ebenfalls seit 2009 ist sie aktives Mitglied des Netzwerks Mode Textil. 2010/2011: Lehrauftrag an der Universität Potsdam. Seminar zu »Der Beruf des Models aus kulturwissenschaftlicher Perspektive«. Verteidigung der Dissertation im April 2014, Publikation im April 2015 beim transcript Verlag. Zur Zeit arbeitet Alicia Kühl als Marketing Managerin bei einem Berliner Modelabel.



Fashion Shows. Claiming the New in Fashion

How does novelty in fashion come about? Alicia Kühl shows that novelty is no longer claimed in fashion design, but in fashion show design. Her work in fashion theory, drawing, among other things, upon theories of performance, of space, and of atmospheres, investigates fashion shows of select Haute-Couture and Prêt-à-Porter designers of the last 30 years and retraces to what extent the atmospheres created there are employed as a solution to a vestimentary crisis of invention (»Inventionsbredouille«). For the first time, this study questions the function and position of fashion shows within the cycle of fashion, which also entails a reevaluation of the role of clothing.

VITA
From 2004 to 2008, Alicia Kühl studied Cultural Science, Spanish Studies and Psychology at Leipzig University. Her Magister thesis was entitled »Eisenbahnstraße Leipzig: from a workers’ to an immigrants’ quarter. An analysis of social-cultural changes from the Wilhelminian era up until the present with special attention given to the German Democratic Republic«. She has been a doctoral candidate at the Institut für Künste und Medien of Potsdam University and an active member of the Network Fashion Textiles (Netzwerk ModeTextil) since 2009. 2010–2011: Teaching commission at Potsdam University with a seminar on »The Modelling Profession from a Cultural Studies’ Perspective«. Alicia Kühl finished her doctorate in April 2014 and will publish her dissertation in April 2015 at transcript. She currently is working as Marketing Manager for a Berlin based fashion label.

Janine Luge-Winter


Das »Mehr« der Ikone. Ikonentheorien im bildtheoretischen Kontext

Das Promotionsvorhaben baut auf die These auf, dass die Ikone ein besonderes Bild ist. Ausgangspunkt der Untersuchungen sind dabei die christlichen Ikonen, die Kult- und Heiligenbilder der Ostkirche, da zu diesen Ikonentheorien vorliegen, welche sich für eine interdisziplinär geführte, bildtheoretische und bildpraktische Diskussion als brauchbar erweisen. Diese Ikonentheorien sind primärer Gegenstand der Untersuchungen und umfassen sowohl theologische als auch philosophische Ansätze. Allen Ansätzen gemeinsam ist die Annahme, dass gerade die christliche Ikone das Wesen der Malerei und das von Bildlichkeit überhaupt offenbart: dem Undarstellbaren Form zu verleihen und so allererst sichtbar werden zu lassen. Die Besonderheit ikonischer Sichtbarmachung, ihr »Mehr« gegenüber anderen Visualisierungen, steht dabei im Mittelpunkt des Projektes.

VITA
Nach einer Ausbildung zur Bauzeichnerin studierte Janine Luge-Winter 1999–2006 Medienwissenschaften, Klassische Archäologie und Alte Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit den Schwerpunkten Vergleichende Bildtheorie sowie Griechische und Römische Antike. 2006 schloss sie mit einer Magisterarbeit zu »Die Apologie der Bilder bei Johannes von Damaskus. Eine Darstellung aus bildwissenschaftlicher Perspektive« ab.

 



The »Surplus« of Icons. Icon Theories in the Context of Picture Theory

This project builds on the thesis that icons are special kinds of pictures. Christian icons and the Orthodox Church’s cult and holy images form the basis of my research because modern icon theories are available for these that promise to be fruitful for an interdisciplinary discussion that is both picture theory and picture practice based. These icon theories are the primary object of my investigation and include both mathematical and semiotic as well as phenomenological approaches. Common to all these approaches is the assumption that Christian icons in particular reveal the very nature of painting and pictorality: in them the invisible is given form and thus made visible in the first place. The particularity of iconic visualisation, its »surplus« in comparison to other forms of visualisation, is what my project proposes to focus on.

VITA
Following a qualification in architectual drawing, from 1999 to 2006 Janine Luge-Winter studied Media Science, Classical Archaeology and Ancient History with a focus on Comparative Picture Theory and Greek and Roman Antiquity at Friedrich-Schiller-Universität Jena. She completed her Magister degree in 2006 with a dissertation on »The Apology of Pictures in John of Damascus. A Presentation from a Picture Studies Perspective«.

Nora Molkenthin


Advection-diffusion-networks: On the relationship of flow dynamics and climate network topology

Die Netzwerkanalyse des Klimasystems stellt ein recht junges Forschungsfeld in der Klimaforschung dar. Die Korrelationen zwischen räumlich verteilten Klimavariationen werden hierbei als Netzwerke betrachtet, in denen sich die Struktur des Systems als Ganzes abzeichnet und auch physikalisch bisher unbekannte Zusammenhänge sichtbar werden. Das Promotionsvorhaben versucht, die in den Klimanetzwerken sichtbaren abstrakten Strukturen mit physikalischen Abläufen und Mechanismen zu erklären, und so zu einer theoretischen Grundlage für Klimanetzwerke beizutragen.
     In der bisherigen Arbeit zu diesem Thema wurde ein Netzwerk eines Modellsystems theoretisch abgeleitet. Dabei wurde eine homogene, in eine Richtung fließende Flüssigkeit betrachtet und das Netzwerk zu den sich gemäß der Wärmeleitungsgleichung ausbreitenden lokalen Temperaturstörungen berechnet. Diese Untersuchung wird nun auf allgemeinere Geschwindigkeitsfelder ausgeweitet und die dabei entstehenden Netzwerke netzwerktheoretisch untersucht und die physikalischen Zusammenhänge mit den sichtbaren Netzwerkstrukturen verglichen.

VITA
Nora Molkenthin studierte 2004–2007 Physik an der Freien Universität Berlin und von 2007–2008 in Manchester (mit Forschungspraktikum in Astrophysik unter Michael Kramer). 2008–2009: Masterstudium an der University of Cambridge in Theoretischer Physik (Quantengravitation). 2010: Forschungsprojekt an der Uppsala Universitet über Protein-Faltung unter Antti Niemi.



Advection-diffusion-networks: On the relationship of flow dynamics and climate network topology

Climate network analysis is a relatively young field in climate science. The correlation of fluctuations in climate data is regarded as networks exhibiting the structure of the system even when the physical background is yet unknown. The PhD project is an attempt to find the underlying physical mechanisms of those networks and thus contribute to their theoretical foundation.
     So far a network has been theoretically deduced from a model by computing the propagation of local temperature perturbations in a fluid with a homogeneous flow according to the heat equation. This approach is now to be applied to more general flows in order to analyse the resulting networks and compare the physical insights to natural network structures.

VITA
2004–2007: Studied physics at Freie Universität Berlin. 2007–2008: Studied in Manchester (research internship in astrophysics with Michael Kramer). 2008–2009: Masters in theoretical physics at the University of Cambridge (Quantum gravity). 2010: Research project at Uppsala Universitet on protein folding with Antti Niemi

Peter Müller


Innerliche Übersicht (
AT). Das Bildformat 16:9 als Apparativ gesellschaftlicher Subjektivierung

Im Dissertationsvorhaben verfolge ich die Frage, inwiefern ein massenmediales Bildformat an einer gesellschaftlichen Subjektivierung beteiligt ist. Dies wird am dominierenden Seitenverhältnis für Bewegtbilder außerhalb des Kinos festgemacht: 16:9. Verglichen zum alten Fernseh- und Videostandard 4:3 bringt dieses Format mehr Breite mit sich. Eingeführt wurde es Ende der 1980er ursprünglich für High Definition Television, mittlerweile wird jedoch in diesem sehr Vieles präsentiert, was sich im Internet, Fernsehen, oder auf Smartphones in unterschiedlicher Auflösung im Clip bewegt. Initiiert wurde die Auseinandersetzung durch meine Videopraxis als Künstler, in der 16:9 für mich über die Gestaltung hinausgehende gesellschaftsstrukturelle Fragen aufwirft. Formalästhetische wie medienhistorische Fallstudien der Promotion haben ergeben, dass durch eine Überbetonung von Räumlichkeit die (menschliche) Figur in 16:9 gegenüber dem Hintergrund oft freigesetzt wird. Diese Ästhetik nenne ich verortende Unörtlichkeit. Auch die Betrachtungsinszenierung erhält hierdurch einen nahezu schwebend subjektivistischen Charakter. In Zusammenhang mit massenmedialen Versprechen eines ›besseren‹ wie ›kinoeskeren Sehens‹ wird diese Konventions-Tendenz analysiert. Die verortende Unörtlichkeit wird in der Promotion – in Auseinandersetzung mit der subjekttheoretischen Repräsentationskritik Theodor W. Adornos und der kritischen Gesellschaftsanthropologie Paulo Virnos – als Korrelation zwischen visueller Darstellung und gesellschaftlicher Produktionsverhältnisse diskutiert. Aus dieser Befragung entspringt ein materialistisches Verständnis über die ambivalente Blicknorm durch 16:9: sie ist eine personifizierte und zugleich konzeptionalisierte. Eine solche Normierung erzeugt einen Modus der Betrachtung, in dem Individuen förmlich ganz bei sich und ganz außer sich entworfen sind. 16:9 realisiert daher innerliche Übersicht als ein subjektivierendes Apparativ, so die These.

VITA
Studium der Visuellen Kommunikation mit dem Schwerpunkt Freie Gestaltung an der Hochschule für Gestaltung (HfG) Offenbach am Main und Bildhauerei an der Universität Kapstadt. Von 2005 bis 2006 Visiting Scholar am Comparative Media Studies Program des Massachusetts Institute of Technology und von 2007 bis 2009 Researcher im Fine Art Department der Jan van Eyck Academie in Maastricht. In den Jahren 2009 und 2010 Stipendiat der Hessischen Kulturstiftung Japan und Irland. Seit 2015 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Graduiertenkolleg »Ästhetiken des Virtuellen« der Hochschule für bildende Künste (HFBK) Hamburg.

 



An Inner Outer View (  Innerliche Übersicht; WT). The 16:9 aspect ratio as a societal artifice of subjectivation.

The dissertation project examines the connection between subjectivation within relations of production and the aesthetics caused by aspect ratios of mass media (other than long-established cinema screens), focussing on 16:9. In comparison to the old TV and video standard 4:3, 16:9 offers a wider picture that was originally introduced to provide an aspect ratio for high definition television. However, it is now the dominant standard. found on most displays or used by video platform Youtube for example. This research was institiated in relation to my artistic practice as a video maker, from which position I would argue that 16:9 raises questions about society beyond matters of pure composition. My formal and media-historic case studies demonstrate in detail that an emphasis of space occurs in the usage of 16:9, which frees the (human) figure from the image background, I call such an aesthetic localised dislocation ( verortende Unörtlichkeit ). This also affects the staging of the viewer's gaze, which becomes floating and subjectivistic. Such a tendency in convention is analysed in connection to mass media promises of ›better‹ and ›cinematic viewing‹. The localised dislocation is discussed – via Theodor W. Adorno's subject-based critique of representation and Paolo Virno's critical anthropology of society – as a correlation between visual depiction and relations of production. In doing so, the materialistic perspective of the dissertation shows that the ambivalent normalisation of the gaze through 16:9 is personalised, as well as abstract. Such a standard creates a mode of viewing, through which individuals held to observe ›inwardly‹ and ›outwardly‹. 16:9 realises an inner outer view ( innerliche Übersicht ) as a societal artifice of subjectivation, following this hypothesis.

VITA
Peter Müller studied Visual Arts at Hochschule für Gestaltung (
HfG) Offenbach am Main and Sculpture at University of Cape Town. He was Visiting Scholar in the Comparative Media Studies Program of Massachusetts Institute of Technology from 2005 to 2006, and from 2007 to 2009 Researcher in the Fine Art Department of Jan van Eyck Academie in Maastricht. In 2009 and 2010, he carried out production through Japan and Ireland as a fellow of Hessische Kulturstiftung. From 2011 until 2014, he was fellow of DFG-Graduiertenkolleg »Visibility and Visualisation« at the University of Potsdam. Since 2015, Müller is research assistant (wissenschaftlicher Mitarbeiter) for the Graduate Programme »Aesthetics of the Virtual« of Hochschule für bildende Künste (HFBK) Hamburg.

Moritz Queisner


Augmented Vision. Ansätze zu einer Medientheorie von Augmented Reality

◊ assoziiert

Das Dissertationsprojekt verfolgt das Anliegen, maßgebliche Brüche und Differenzen unterschiedlicher Sehmodelle und -strategien herauszuarbeiten und diese in Bezug auf ihren Status von Bildlichkeit zu untersuchen. Die Überlegungen entstehen im Bezug auf eine sich fortsetzende Technisierung visueller Praktiken, bei der visuelle Wahrnehmung immer weniger ausschließlich an Fähigkeiten und Funktionen des menschlichen Auges gebunden ist, sondern zunehmend unter dem Einfluss und der Kontrolle von Instrumenten und Apparaten gedacht werden muss. Die Implikation dieser medialen Intervention in die Ordnungen des Sichtbaren, so die These, ist eine fortschreitende Relativierung anthropologisch-körperlicher Grenzen des Sehens, mit der visuelle Wahrnehmung als mediale Erfahrung maschinenabhängig wird. Diese veränderte Wahrnehmungssituation korrespondiert mit einem Bildverständnis, bei dem das Bild den Betrachter nicht mehr über seine Transparenz täuscht, sondern über seine Opazität: Im Gegensatz zum Blick auf ein Bild fällt der Blick hier durch eine optische Apparatur bzw. durch das von ihr erzeugte Artefakt. In der Folge muss der stabile subjektzentrierte Repräsentationsraum der klassischen Wahrnehmungsästhetik zugunsten einer Vorstellung von Imagination und Einbildung aufgegeben werden, die nicht mehr nur Teil einer natürlichen Wahrnehmung oder direkten Anschauung ist.

VITA
Moritz Queisner studierte Europäische Medienwissenschaft, Kommunikationswissenschaft und Politikwissenschaft in Potsdam, Berlin und Amsterdam und verfasste seine Masterarbeit über die Technisierung des Blicks. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Kolleg-Forschergruppe Bildakt und Verkörperung an der Humboldt-Universität zu Berlin.

 


 

Augmented Vision. Approaches of a Media Theory of Augmented Reality

associated project

This project proposes to draw out significant ruptures and differences in various models and strategies of vision and to investigate these with regard to their pictorial status. These considerations are a response to the progressive technologisation of visual practices whereby visual perception is no longer exclusively bound to the ability and function of the human eye, but must increasingly be thought of as influenced and controlled by instruments and technical apparatus. The thesis is based on the assumption that the intervention of media into the order of the visible brings about a continuing relativisation of the anthropological/physical boundaries of vision which as a mediatic experience is becoming increasingly dependent on machines. This transformation of perception corresponds to an understanding of images in which the image no longer fools the observer with regard to its transparency but with regard to its opacity: no longer gazing on an image, the gaze is here directed through an optical apparatus and accordingly through an artefact of its own creation. As a consequence, the stabile, subject-centred realm of representation that once belonged to classical aesthetics of perception must make space for a concept of imagination that is no longer only a constituent of natural perception.

VITA
Moritz Queisner studied European Media Studies, Communication and Political Science in Potsdam, Berlin and Amsterdam and wrote his Master’s thesis on the technologisation of the gaze. He is a research associate in the Collegium for the Advanced Study of Picture Actand Embodiment at Humboldt-Universität Berlin.



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Robert Schade


SEHEN – SCHWANKEN – ANDERS-SEHEN. Zur Geschichte einer Ästhetik des Schwankens und seiner Aktualisierung in Literatur und Malerei zwischen 1870 und 1925.

Die Wahrnehmungs- und Denkfigur des Schwankens tritt unter dem Vorzeichen der Moderne und deren sozialen und technologischen Umwälzungen auf. So stellt sich zunächst die Frage nach Gewohnheiten und Automatismen, die jeden selektiv verfahrenden Sehvorgang (Helmholtz 1867) strukturieren und bei der Einnahme ungewohnter Perspektiven den Hintergrund für ein semantisches Schwanken bilden. Das Anders-Sehen der Kunst verstehe ich als eine a) erschwerte, nicht-ökonomische und b) ent-automatisierte Form der Wahrnehmung. In der formalistischen Literaturtheorie Viktor Šklovskijs (1917) bezeichnet die für die Kunst grundlegende Verfremdung das Verfahren, einen Gegenstand aus seiner gewohnten Wahrnehmung in einen Bereich neuer Wahrnehmung (damit einer veränderten Semantik) zu transportieren. Dies kann sowohl für das alltägliche Sehen, als auch für bestehende Darstellungstraditionen gelten. In der Kunst soll das Schwanken zwischen mehreren Wahrnehmungsordnungen in Texten von Andrej Belyj (Kindliches Sehen), H.G. Wells (Sehen eines Zeitreisenden), Luigi Pirandello (Sehen mit dem Kameraauge) und der Malerei Gustave Caillebottes untersucht, sowie dessen Vielfältigkeit aufgezeigt werden.

VITA
Robert Schade studierte Germanistik und Anglistik in Potsdam und Tallinn und schrieb seine Bachelorarbeit über den Topos der Einsamkeit bei Dostojewskij, Büchner und Kafka. Masterstudium der Vergleichenden Literatur- und Kunstwissenschaft an der Universität Potsdam, Abschluss 2011.



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VITA
Robert Schade studied German and English Studies in Potsdam and Tallinn and wrote his BA thesis on the topic of loneliness in Dostojewski, Büchner and Kafka. He completed an MA in Comparative Literature and Art at Potsdam University in 2011.

Daniela Schmidtke


Videoinstallationen im Ausstellungsraum – aktuelle Eingriffe in die Zeit- und Raumstruktur von Bewegtbildern anhand von Doug Aitken und Douglas Gordon

In dieser Arbeit werden Videoinstallationen von Douglas Gordon und Doug Aitken werkübergreifend diskutiert. Im Mittelpunkt steht dabei das Bewegtbild. Es geht um die Frage, wie die Bewegtbilder in den Installationen eingesetzt werden. Mit »einsetzen« ist in diesem Zusammenhang sowohl die Inszenierung der eigens für die Installation produzierten als auch der Rückgriff auf bzw. die Manipulation (De- und Rekomposition) von bereits vorhandenen (Found Footage) Bewegtbildern gemeint. Dabei nimmt Doug Aitken Bezug auf das Hollywoodkino und Musikvideoclips, während sich Douglas Gordon auf den klassischen Film (u.a. Hitchcock) und Archivmaterial bezieht. Symptomatisch ist in den Videoinstallationen, dass die Bildfolge auf der zeitlichen Ebene gedehnt oder beschleunigt wird und auf der räumlichen Ebene beschnitten und in den Projektionsrichtungen gebrochen wird. Durch diese und andere Verfahren werden die tradierten Wahrnehmungsmuster des Bewegtbildes zur Disposition gestellt. Untersucht wird, was die dadurch erwirkte Distanz für die Eigenbewegung des Körpers zur Folge hat.

VITA
Daniela Schmidtke studierte Arts & Cultural Management an der FH-Potsdam, Diplom-Abschluss 2008 über Intermedialität in der zeitgenössischen Kunst. Von 2002–2011 Mitarbeit (Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Projektkoordination, Produktionsassistenz) in verschiedenen künstlerischen und alternativen politischen Projekten. Darüber hinaus als Performance-Artist seit 2010 Mitglied des Flocks & Shoals Art Collective, 2008–2010 Mitglied der MinakoSeki Workgroup (Tanz), seit 2009 Kollaboration mit der Medienkünstlerin Chan Sook Choi.

 


 

Video Installations in Exhibition Space – Current Encroachment s into the Time and Space Structures of Moving Images with reference to Doug Aitken and Douglas Gordon

This work discusses the video installations of Douglas Gordon and Doug Aitken with a special focus on moving images. The central question is how moving images are integrated into the installations. By ›integrated‹ I mean both the way moving images are staged in a particular way for the produced installation, as well as the way the artists may resort to and manipulate (by decomposing and recomposing) found footage. Whilst Doug Aitken often makes use of Hollywood cinema and music video clips, Douglas Gordon tends to refer rather to classical film (i.e. Hitchcock) and archive material. A symptomatic characteristic of their video installations is the manner in which, on the level of time, image sequences are stretched out or accelerated, and how, in terms of space, they are cut up and broken into the direction of projection. These and other techniques contribute to traditional patterns of perceiving moving images becoming subject to renegotiation. What the project intends to investigate furthermore is how the resulting distance may affect one’s one physical movements.

VITA
Daniela Schmidtke studied Arts & Cultural Management at FH-Potsdam, completing her degree in 2008 with a work on intermediality in contemporary art. From 2002 to 2011 she worked for various artistic and political projects (press and communications, project coordination, production assistance). As a performance artist she has been a member of Flocks & Shoals Art Collective since 2010. From 2008 to 2010 she was a member of the Minako SekiWorkgroup (dance), and has collaborated regularly with the media artist Chan Sook Choi since 2009.

Lina Maria Stahl


BIOS und BIOLOGIE
Zum Verhältnis von Leben und Lebenswissenschaft am Beispiel der Mikroskopie von Zellen (AT)

Die Arbeit unternimmt den Versuch einer Klärung des Verhältnisses von Bios (altgr.: βίος) und Biologie – Leben und Lebenswissenschaft – anhand zeitgenössischer Verfahren der Zellvisualisierung. Diese können deshalb als besonders aussagekräftig erachtet werden, da Zellen spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts als elementarste Einheiten aller Lebewesen betrachtet werden. Unangefochten gilt bis heute die Zelle als kleinstes lebensfähiges ›System‹, weshalb sie in den Biowissenschaften zu dem Modell für Leben überhaupt wurde. Zu ihrer Sichtbarmachung als Bedingung ihrer Untersuchung bedarf es aufgrund ihrer äußerst geringen Ausmaße im Mikrometerbereich jedoch mikroskopischer Verfahren. Woraus diese im Einzelnen bestehen und welche Konsequenzen dies für den Untersuchungsgegenstand – in diesem Fall Zellen – nach sich zieht, ist Inhalt dieser Arbeit. Vor diesem Hintergrund soll Bilanz gezogen werden kann, wie in den Lebenswissenschaften Wissen über einen bestimmten Gegenstand (hier Leben respektive Zellen) gewonnen wird, inwieweit die angewandten Methoden dieses Wissens prägen und welchen Einfluss sie auf die Untersuchungsobjekte selbst ausüben.

VITA
Lina Maria Stahl studierte 2001–2006 Physik (Vordiplom) und Biologie (Diplom), an der Freien Universität Berlin. 2006–2007 Studium Filmwissenschaften, Freie Universität Berlin. 2007–2010 Studium der Europäischen Medienwissenschaft (MA), Universität Potsdam.



The research project analyzes the relationship between bios (βίος) and biology – life and life science – by considering contemporary methods of cell visualization. These methods are particularly noteworthy, because starting in the middle of the 19th century cells are regarded as the basic elements of all living organisms. Given the cell’s status as the smallest viable ›system‹, life science has even turned it into a model for life itself. Yet, due to their extremely small size, microscopic methods are needed to make cells visible and turn them into objects of scientific inquiry. The dissertation analyzes each of these different microscopic methods in detail, asking what impact they have on their object of study, i.e. cells. This inquiry forms the background from which to ask how knowledge is produced in the life sciences. How do the methods applied shape scientific knowledge, and in which ways do they affect their objects of study?

VITA
Lina Maria Stahl studied Physics and Biology at Freie Universität Berlin. Afterwards, she was enrolled in Film Studies at Freie Universität Berlin, completing her Master’s in European Media Studies at the University of Potsdam in 2010.

Martin Stefanov


Devianzästhetik. Abweichung als Paradigma der Avantgarde/film/theorie/geschichte

Negativitätsfiguren sind ein durchgehender Zug modernen Ästhetik: Verfremdung, Entgrenzung, détournement und viele ähnliche Begriffe sind sowohl für die künstlerische Praxis als auch für ihre Theoretisierung zentral. Devianz, also Abweichung, soll hier als Oberbegriff für diese ästhetischen Strategien fungieren. Der Avantgardefilm wiederum soll als Gegenstandsbereich moderner Ästhetik herangezogen werden, in dem sich ästhetische Negativität bildwissenschaftlich beschreiben lässt.
     Erstes Ziel ist, ästhetische und filmtheoretische Programme mit ihrer stark divergierenden Begrifflichkeit entlang einer Theorie der Devianz zusammenzuführen und so miteinander vergleichbar zu machen. Dies wäre der philologische Gewinn der Arbeit. Dabei soll klar werden, dass die verschiedenen Programme jeweils unterschiedliche Aspekte von Devianz betonen, sodass eine Zusammenschau einen umfassenderen Begriff ästhetischer Negativität hervorbringen und so einen Beitrag zur spezifischen Logik des Filmbildes leisten kann. Dies wäre der systematische Gewinn. Der zeitdiagnostische Gewinn schließlich soll darin bestehen, mittels paradigmatischer Filmanalysen eine Skizze rezenter Avantgardefilm-Ästhetik zu entwerfen und die Beschreibungskraft des Devianz-Begriffs dafür darzulegen. 

VITA
Studium der Philosophie, Theater-, Film- und Medienwissenschaft, Musikwissenschaft, Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien und Studium der Philosophie, Filmwissenschaft und Musikwissenschaft in Berlin. Diplomarbeit zum Klischeebegriff in der Filmphilosophie von Gilles Deleuze bei Ludwig Nagl, Wien.

Email: Martin.Stefanov(at)uni-potsdam.de



Aesthetics of Deviance. Deviance as paradigm for the History of Avant-Garde/Film/Theory

Figures of negativity are a continuous characteristic of modern aesthetics: alienation, transgression, détournement, and many other similar concepts are pivotal for artistic practice as much as for its theorization. Deviance shall serve here as the hypernym for these aesthetic strategies. The Avant-Garde film then shall be consulted as the subject matter of modern aesthetics within which aesthetic negativity can be described by means of what has been called Bildwissenschaft.
     The first aim is to assemble aesthetic and cinematographic conceptions with their starkly diverging terminology along the lines of a Theory of Deviance and thus make them comparable. This would be the
philological result of the thesis. Thereby it shall become clear that the different conceptions each stress distinctive aspects of deviance so that a synopsis can produce a more comprehensive concept of aesthetic negativity and thus contribute to a specific theory of the filmic image. This would be the systematic result. The result in terms of a diagnosis of the present finally shall be to outline the characteristics of recent Avant-Garde film aesthetics and demonstrate the descriptive potential of the concept of deviance for it. 

VITA
Studied Philosophy, Theatre, Film and Media Science, Musicology, Politics and Political Economy at Universität Wien (Vienna) and Philosophy, Film Science and Musicology in Berlin. Degree work on the concept of cliché in Gilles Deleuze’s film philosophy (with Ludwig Nagl in Vienna).

Magdalena Uçar


Zeugenschaft im Bild. Strategien der Sichtbarmachung der Shoah im polnischen Dokumentar- und Kunstfilm nach 1989

Das Dissertationsprojekt »Zeugenschaft – Bild – Shoah« untersucht die Strategien der Sichtbarmachung bezogen auf den Diskurs zur Zeugenschaft anhand künstlerischer und dokumentarischer Film- und Videoarbeiten in diesem Zusammenhang. Aus der Perspektive des Zeugen, der einen spezifischen, singulären Zugang eröffnet, und der seit Claude Lanzmanns »Shoah« (1985) im Kontext von Holocaust-Erinnerung im Film etabliert wurde, soll das Verhältnis von Zeugnis/Bezeugen/Zeugenschaft, Bild und Gedächtnis in den Blickgenommen werden. Mit Bezug auf psychoanalytische Ansätze werden u.a. folgende Fragen aufgeworfen: Welche Versuche und Verfahren wurden unternommen, die Geschichte sichtbar werden zu lassen? Welche Bilder werden dabei verwendet? Wie ist der Umgang mit ihnen? Welcher Zusammenhang besteht zwischen Bildern und Wellen von Erinnern und Vergessen?

VITA
Magdalena Uçar (geb. Bazan) studierte Medienwissenschaft und Germanistik im Bachelor an der Ruhr-Universität Bochum und Universidad Complutense de Madrid mit Schwerpunkt auf Film und Gender. Ihre BA-Arbeit schrieb sie zu Judith Butlers Performativitätsbegriff anhand einer Analyse der Strategien der Sichtbarkeit in Sadie Bennings Videos. 2008/09 war sie DAAD Stipendiatin in Komparatistik und Gender Studies an der Rutgers University, New Jersey, USA. Ihr Masterprogramm schloss sie 2011 am theoretisch-praktischen Kooperationsstudiengang Europäische Medienwissenschaft (EMW) an der Universität und Fachhochschule Potsdam mit einer Arbeit zur Familiengeschichte ab.

 



Testimony in the Image. Strategies of Visualization of the Shoah in Polish Documentaries and Art Films after 1989

With reference to artistic and documentary film and video works, Magdalena Bazan’s dissertation investigates strategies of visualisation related to discourses of witnessing. Thinking from the unique and particular perspective of the witness – an approach first established by Claude Lanzmann’s »Shoah« (1985) in the context of holocaust recollection – the project focuses on the relation between witness/ testimony, image and memory. Drawing on psychoanalytic material, this study investigates the following questions: What efforts are made and what methods are used to render history visible? What images/ pictures are used in these processes? How are these dealt with? What is the connection between images/ pictures and waves of memory and oblivion?

VITA
Magdalena
Uçar (nee Bazan) studied Media Studies and German Literature at Ruhr University Bochum and Universidad Complutense de Madrid with a special focus on film and gender. She wroteher Bachelor’s thesis on Judith Butler’s concept of performativity with an analysis of visualisation strategies in Sadie Benning’s videos. From 2008 to 2009 she was a DAAD fellow in Comparative Literature and Gender Studies at Rutger’s University, New Jersey, USA. She completed a Master’s programme in 2011 in the theoretical-practical cooperative faculty of European Media Studies (EMW) at Potsdam University and Fachhochschule Potsdam with a study in family history.

Elena Vogman


Sinnliches Denken. Sergej Ejzenštejns Methode als Projekt einer neuen Wissensordnung
◊ assoziiert

Ziel der geplanten Dissertation ist die Erforschung des jüngst in seiner Gesamtkonstellation erschienenen Theorieprojektes von S. M. Ejzenštejn: Methode. Grundproblem (1932–1948). Ejzenštejns darin entfaltetes Konzept eines »sinnlichen Denkens« soll in einer dreifachen Perspektive konkretisiert werden: erstens, durch die werkimmanente Analyse der Theoriebildung– der Bild- und Textmontage –, die als Medium der zentralen Kategorien betrachtet wird; zweitens, durch die Rekonstruktion dieser Kategorien (»Pathosformel«, »psychische Geste«, »Bild«/»obraz«, »Montage«, »metaphorische Ausdrucksbewegung« etc.) in ihrem philologischen Stellenwert, ihren werkhistorischen Implikationen sowie ihren Interrelationen zu den in der bisherigen Forschung kaum berücksichtigten wissenschaftlichen Instituten der zeitgenössischen sowjetischen Ästhetik und Psychologie (GAChN, Kulturhistorische Schule, Institut für Psychologie); drittens, durch den kontrastiven Vergleich mit geistesverwandten kulturwissenschaftlichen Projekten (Benjamin, Warburg), die Ejzenštejn nicht bekannt waren. Ebenfalls soll die Frage nach dem Genre bzw. dem poetologischen Charakter von Methode aufgeworfen werden. Welches epistemologische Modell – als Modell der Erklärung und Darstellung von Wissen – legt Ejzenštejns Methode nahe? Welches Bildkonzept wird darin generiert und wie?

VITA
2005–2010 Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft und der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität, Berlin (BA); der Littérature française et comparée an der Université Paris IV, Sorbonne; der Lettres, Arts, Pensée Contemporaine an der Université Denis Diderot, Paris VII (MA). Bis Oktober 2011 Stipendium im Graduiertenkolleg »Sichtbarkeit und Sichtbarmachung«. Seit dem wissenschaftliche Mitarbeiterin am Exzellenzcluster »Languages of Emotion« (FU Berlin).



»Sensorial Thinking«. Sergej Ejzenštejn’s Method as a Project Towards a New Order of Knowledge
associated project

The proposed doctoral thesis aims to investigate Ejzenštejn’s theory project Method (1932–1948), which has only recently been published in its entirety. Ejzenštejn’s concept of »sensorial thinking« as elaborated in this work is to be elucidated along three perspectives: firstly, by means of a work-immanent analysis of the theory construction – the montage of image and text – which can be considered a medium for the central categories of his thought; secondly through a reconstruction of these categories (e.g. »pathos formula«, »psychicgesture«, »image«/»obraz«, »montage«, »metaphoric movement of expression« etc.) with regard to their philological significance, historical implications for the work, and their interrelations to the scientific institutions of contemporary Russian aesthetics and psychology that have not been granted much attention to date (e.g. GAChN, School of Cultural History, Institute for Psychology); thirdly, in contrast to comparable projects in cultural science (e.g. Benjamin, Warburg) that Ejzenštejn was not aware of. My research will also consider the question of the genre and poetological character of Method. What epistemological model –as a model for explaining and representing knowledge – does Ejzenštejn’s Method suggest? What concept of image does it generate and how?

VITA
2005–2010 Studies in General and Comparative Literature, Journalism and Communicationat Freie Universität Berlin (BA), Littérature française et comparée at Université Paris IV, Sorbonne; and Lettres, Arts, Pensée Contemporaine at Université Denis Diderot, Paris VII (MA). Fellow of the Research Training Centre »Visibility and Visualisation«. Since then research fellow within the Cluster of Excellence »Languages of Emotion« (FU Berlin).

Katja Weise


Das gezähmte Kleid, der gebändigte Körper. Taktilität und implizites Wissen der Kleidermode in zeitgenössischen Ausstellungsinszenierungen
◊ assoziiert

In meinem Projekt untersuche ich, wie verschiedene szenografische Elemente Formen vestimentären und modischen Wissens konstituieren und vermitteln. Die zentrale Frage lautet: Welche Wissensarten von Kleidermode werden in zeitgenössischen Modeausstellungen durch verschiedene Inszenierungsstrategien wahrnehmbar und erfahrbar gemacht?
     Dieser Fragestellung liegt die Hypothese zugrunde, dass Gestaltungsweisen in Modeausstellungen unterschiedliche Formen modischen Wissens hervorbringen und vermitteln – u.a. auch solche Wissensformen, die nicht epistemisch, diskursiv oder propositional sind. Mit Michael Polanyis’ Konzept des ›tacit knowledge‹ lassen sich diese nichtsprachlichen Formen als implizit beschreiben. Obwohl implizites Wissen dadurch charakterisiert ist, dass es sich nicht vollständig begrifflich ausdrücken lässt, sondern sich v.a. zeigt, ist es im musealen Kontext häufig übersehen worden, obwohl es im Ausstellungsraum präsent ist. Implizite Wissensformen der Kleidermode werden von mir hauptsächlich an der Schnittstelle von Körper und Kleid verortet. Im Fokus steht daher die Taktilität, d.h. das Berühren, Berührt-Werden sowie – als Folge davon – Bewegungen und das Bewegt-Werden. Ich untersuche die Formen ihrer Sichtbarmachung in Museumsausstellungen als einem Ort, an dem spätestens seit der Wende zum 19. Jahrhundert das Berühren und Anfassen von Exponaten verboten ist und Wissen v.a. über das ›richtige‹ Sehen vermittelt und angeeignet wird.
     Indem ich die unterschiedlichen Präsentationsweisen von Materialeigenschaften, Berührungsspuren, Bewegungen und Modehandeln in Ausstellungen anhand ausgewählter Beispiele analysiere, plädiere ich dafür, Kleidermode nicht nur als Kommunikationsmedium oder Körperpraktik zu begreifen, sondern auch als eigenständige und vielfältige Wissenskultur anzuerkennen.

VITA
Katja Weise studierte Theaterwissenschaft und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin und schloss das Studium mit einer Magisterarbeit zu Inszenierungsstrategien modischer Körper in Ausstellungen ab. Ihr Promotionsstudium hat sie 2011 an der Universität Potsdam begonnen, wo sie Lehrbeauftragte am Institut für Künste und Medien ist. Sie bietet Seminare zu Museumsgeschichte, Ausstellungstheorie, Körperwissen und anatomischen Schauobjekten an. Zudem hat Weise seit 2003 an verschiedenen Ausstellungsprojekten im Bereich der Konzeption und Durchführung von Bildungsprogrammen mitgearbeitet; in dieser Funktion ist sie seit 2010 auch am Deutschen Hygiene-Museum in Dresden tätig.



Tamed Dresses, Tamed Bodies. Haptic and Tacit Knowledge in Contemporary Fashion Exhibitions
◊ associated project

The project is concerned with the presentation of fashionable clothes in contemporary fashion exhibitions, analyzing how exhibition displays constitute and impart different forms of knowledge. My central hypothesis is that fashion exhibitions produce various kinds of vestimentary knowledge that are not limited to epistemic, discursive, or propositional forms. Drawing insights from Michael Polanyi’s concept of tacit knowledge, these non-verbal expressions can be described as implicit knowledge. Although implicit or tacit knowledge is predominantly non-verbal and must literally show itself in a museum setting, its presentation is often overlooked. Challenging this tendency, I will concentrate on tacit knowledge as it is produced at the intersection of body and fashion, thus focusing on the phenomena of touch, being touched, and being put into motion.
     These considerations take place against the backdrop of the museum as a place where, starting in the early nineteenth century, touching is not allowed and knowledge has to be acquired visually. The dissertation interrogates the visualization of fashion’s haptic qualities within display processes at contemporary exhibitions that showcase fashion’s material qualities, traces of touch, as well as movement. In so doing, I argue that fashionable clothing forms an independent culture of knowledge that reaches beyond common definitions of fashion as a medium of communication or bodily practice.

VITA
Katja Weise studied Theatre Studies and Comparative Literature at Freie Universität Berlin. Her Magister thesis was entitled »The Presentation of Fashionable Bodies in Exhibitions«. Since 2011, she has been a PhD candidate at the University of Potsdam where she teaches seminars on museum history, exhibition theory, bodily knowledge, and anatomical museum objects. In addition to her research, Weise has worked on several exhibition projects and in museum education. In 2010, she joined the Deutsche Hygiene-Museum in Dresden.

Sabine Wirth


Transformationen des Interface: Zur Medialität des Computers

◊ assoziiert

Grafische Benutzeroberflächen sind allgegenwärtig: Jeden Tag klicken wir uns durch sie hindurch und interagieren mit ihnen – meist ohne über ihre Funktionsweise und Strukturlogik nachzudenken. Ausgehend von der Frage nach der Eigenlogik des Computerinterface, der visuellen Schnittstelle zwischen Benutzer und Computer, will dieses Promotionsprojekt einen Beitrag zur Medientheorie des Computers leisten.
     Der Computer wird dabei nicht nur unter dem Paradigma der Schrift gelesen, sondern explizit auf die Anknüpfungspunkte zu anderen Bild(schirm)medien und Bilddiskursen hin befragt. Die Fokussierung auf das Visuelle und die Frage, wie das Interface das Verständnis des Computers als Medium strukturiert, führen zu einer Auseinandersetzung mit Prozessen der Steuerung, der Ordnung und Navigation. Die komplexe Verschränkung von ikonischen Elementen mit operativen Funktionen erfordert zudem Begriffe, wie Gegenständlichkeit und Materialität, neu zu reflektieren.
     Die Arbeit will zum einen eine kultur- und diskursgeschichtliche Verortung des Computerinterface versuchen, die Bezüge zu anderen ‚medialen Oberflächen‘ aufzeigt. Zum anderen soll der Begriff des Interface eine theoretische Neukonzeption erfahren, um ihn als Beschreibungskategorie für die Medientheorie fruchtbar zu machen.

VITA
Sabine Wirth studierte Theater- und Medienwissenschaft, Neuere deutsche Literatur und Philosophie an der Universität Erlangen-Nürnberg und im Rahmen eines DAAD-Jahresstipendiums an der University of Melbourne. 2010 Magisterabschluss mit einer medienwissenschaftlichen Arbeit zum Thema »Die Computerschrift innerhalb der Geschichte der Materialitäten der Schrift«. Zudem Masterabschluss im Elitestudiengang »Ethik der Textkulturen« der Universitäten Erlangen-Nürnberg und Augsburg. Sabine Wirth ist Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes.

 


 

Transformation of the Interface: On the Mediality of Computers

◊ associated project

Graphical user interfaces are everywhere: We click our way through them and interact with them every day – usually without wasting a thought on how they work or their logical structure. With regard to the question of the particular logic of computer interfaces, the visual connection point between users and computers, this doctoral project hopes to contribute to current media theory of computers.
     Rather than applying the paradigm of writing to computers, the project proposes to consider connections to other image/ screen-based media and image/ picture discourses. The focus on the visual and the question of how interfaces structure our understanding of the computer as a medium lead to considerations of processes of direction, order and navigation. The complex interrelation between iconic elements and operative functions requires, moreover, that one reconsider such concepts as objectiveness and materiality.
     The project thus hopes to contribute on the one hand to an anchoring of the phenomenon of interface in cultural and discourse history in a way that highlights the connection to other ›medial surfaces‹. On the other hand, the concept of interface is to be theorised in a new way that renders it fruitful as a descriptive category for media theory.

VITA
Sabine Wirth studied Theatre and Media Studies, Modern German Literature and Philosophy at Universität Erlangen-Nürnberg as well as within the context of a DAAD scholarship at the University of Melbourne. She completed her Magister studies in 2010 with a media science work on »Computer Writing within the History of the Materiality of Writing«. She also completed a Masters in »Ethics of Text Cultures« at the Universities of Erlangen-Nürnberg and Augsburg. Sabine Wirth is a fellow of Studienstiftung des deutschen Volkes.